75 Jahre Reichspogromnacht

Die Reichspogromnacht am 9. November 1938 in Baden, Württemberg und Hohenzollern.

Synagoge Kippenheim
Zerstörter Innenraum der Kippenheimer Synagoge, © Förderverein Kippenheim

Auch in Baden, Württemberg und Hohenzollern, so wie im gesamten Deutschen Reich,  brannten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Synagogen. Überall wo Juden lebten gab es Pogrome. Jüdische Geschäfte wurden zerstört, Fenster eingeworfen, tausende Juden misshandelt, verhaftet oder auch getötet. Die Reichspogromnacht gilt als Wendepunkt der nationalsozialistischen „Judenpolitik“. Waren bisher die staatlichen Repressionen vorwiegend rechtlicher Natur, kam es ab jetzt immer häufiger zu gewaltsamen Aktionen, die letztlich im Holocaust mündeten.

Begriffsklärung: "Reichskristallnacht" oder Reichspogromnacht?

Die verharmlosende Bezeichnung Reichskristallnacht, deren Herkunft nicht definitiv geklärt ist, bildete und erhielt sich für den reichsweiten Pogrom gegen die Juden im Deutschen Reich, der am 9./10. November 1938 stattfand. ''Kristallnacht'' bezieht sich auf die überall verstreuten Glasscherben vor den zerstörten Wohnungen, Läden und Büros, Synagogen und öffentlichen jüdischen Einrichtungen. Der Begriff Reichspogromnacht hat sich erst in jüngster Zeit verbreitet und im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt, um das verharmlosende Wort "Reichskristallnacht" zu ersetzen

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Vorgeschichte des 9. November 1938

Synagoge Göppingen
Brand der Synagoge in Göppingen, © Stadtarchiv Göppingen

Am 7. November 1938 erschoss der erst 17-jährige polnische Jude Herschel Grynszpan den Legationsrat der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath. Die Ereignisse zwei Tage später waren jedoch nicht Folge des von der NSDAP-Führung propagierten „spontanen Volkszorns“ (Reichspropagandaminister Goebbels) auf die jüdische Bevölkerung. Bei einem Treffen der Parteioberen in München am 9. November abends, zur Erinnerung an den gescheiterten Hitlerputsch (1923: sog. "Marsch auf die Feldherrenhalle") wurde der Pogrom nach Zustimmung Hitlers durch eine Hetzrede von Propagandaminister Josef Goebbels ausgelöst. Goebbels verwies auf die bereits stattgefundenen Pogrome in Kurhessen und Madgeburg-Anhalt und machte die Bemerkung, dass die Partei antijüdische Aktionen zwar nicht organisieren, aber auch nicht behindern werde. Die anwesenden SA-Offiziere gaben entsprechende Befehle an ihre Stäbe und Mannschaften durch. So erhielt die SA-Gruppe Kurpfalz in Mannheim schon um 1 Uhr nachts am 10.11.1938 den Befehl:
„Auf Befehl des Gruppenführers sind sofort innerhalb der Brigade 50 sämtliche Synagogen zu sprengen oder in Brand zu setzen.“

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Verlauf

Einrichtungsgegenstände der Synagoge werden in Tiengen auf dem Marktplatz verbrannt © Hauptstaatsarchiv Stuttgart

So begann ein reichsweiter, gegen die Juden gerichteter Pogrom, eine Mord-, Brandstiftungs- und Plünderungs-, in letzter Konsequenz auch Raub- und Vertreibungsaktion bisher nicht gekannten Ausmaßes. In Baden, Württemberg und Hohenzollern wurden von 151 Synagogen und Betsälen 60 niedergebrannt, 77 demoliert und geplündert. In den meisten Fällen geschah dies durch Einheiten der SA, SS und SD aus Orten in der Nachbarschaft. Die Feuerwehren erhielten die Anweisung, nur die benachbarten „arischen“ Gebäude vor den Flammen zu schützen. Eine Augenzeugin aus Stuttgart berichtet:

„In Stuttgart war es gegen 3 Uhr in der Frühe, als sich der mondbeschienene Himmel vom Flammenschein rötete. Die Synagoge in der Hospitalstraße brannte lichterloh. Mit der gewohnten Schnelligkeit ging die rasch an den Brandplatz geeilte Feuerwehr an ihre Arbeit, und aus vielen Stahlrohren ergossen sich die Wassermassen auf die benachbarten Gebäude.“

Auch jüdische Friedhöfe, Geschäfte und Wohnungen wurden Ziel gewalttätiger Übergriffe. Im Südwesten wurden fast alle jüdischen Friedhöfe verwüstet. Der amerikanische Generalkonsul in Stuttgart berichtet an den amerikanischen Botschafter in Berlin:

„Von nahezu allen jüdischen Geschäften im Stuttgarter Konsulatsbezirk wird berichtet, dass sie angegriffen, geplündert und verwüstet worden sind.“

Es kam zu körperlichen Misshandlungen und Morden. In Baden, Württemberg und Hohenzollern wurden während der Reichspogromnacht vierzehn, im gesamten Reichsgebiet mindestens 91 Menschen ermordet.

Folgen

verhaftete Juden in Baden-Baden werden abgeführt, © Stadtarchiv Baden-Baden

In der Nacht und den darauf folgenden Tagen wurden viele, vor allem vermögende Juden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. Der überwiegende Teil der badischen und württembergischen Juden kam in das KZ Dachau, die Stuttgarter Juden wurden in das KZ Welzheim gebracht.

„Auf dem Wege nach meinem Hause wurde ich verhaftet und in das Gefängnis in Rexingen eingeliefert. Mit mir kamen noch andere. […] Nach 24 Stunden wurden wir ins Gefängnis nach Horb transportiert, zwei Tage später kamen wir im Sammeltransport, mit Juden der ganzen Umgebung nach Dachau.“,
so ein Rexinger Zeitzeuge.

In Baden, Württemberg und Hohenzollern wurden ungefähr 2.000 Juden in Haft genommen, im gesamten Reich waren es mehr als 25.000. Während der monatelangen Haft unter unmenschlichen Bedingungen erlitten viele Menschen schwere Verletzungen. Mindestens 40 der Dachau-Häftlinge aus Baden, Württemberg und Hohenzollern starben während der Haft.

Die jüdischen Geschäftsinhaber mussten durch die Verordnung zur "Wiederherstellung des Straßenbildes bei jüdischen Gewerbebetrieben" selbst für die Instandsetzung ihrer Geschäfte aufkommen. Außerdem wurde den deutschen Juden mit der Verordnung "über eine Sühneleistung der Juden mit deutscher Staatsangehörigkeit" eine Sühneleistung von einer Milliarde Mark auferlegt.

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Deutung

Synagoge Laupheim
Die brennende Laupheimer Synagoge. Auffällig ist der für eine Synagoge untypische Glockenturm, © Hauptstaatsarchiv Stuttgart

Das Geschehen ist eines der am besten dokumentierten Ereignisse der nationalsozialistischen Zeit. Für die Geschichtswissenschaft sind inzwischen folgende Tatsachen als unabweisbar:

  1. Die Aktionen des 9. und 10. November 1938 waren von oben zentral angeordnet.
  2. Sie waren nicht längerfristig geplant oder vorbereitet, sondern kurzfristig nach dem Bekanntwerden des Attentats von Paris initiiert worden.
  3. Sie wurden in erster Linie von Parteistellen der NSDAP und Einheiten der SA aus anderen Orten sowie Behörden, insbesondere der Polizei und Feuerwehr, durchgeführt.
  4. Nach ihrer Ingangsetzung nahmen auch nicht organisierte Menschen in fast allen Städten in nicht unerheblichem Maß an den Ausschreitungen teil; dies gilt insbesondere für die Plünderung jüdischer Geschäfte und Wohnhäuser, aber auch für tätliche Angriffe und körperliche Misshandlungen.

Die Reichspogromnacht markiert den Beginn einer neuen Phase der nationalsozialistischen „Judenpolitik“. Bis dahin wurden die Juden vor allem durch Gesetze diskriminiert. Die Ereignisse des 9. Novembers 1938 zeigten nun, dass die nationalsozialistische Führung auch nicht vor körperlicher Gewalt zurückschreckte. Die weiteren Entwicklungen führten letztendlich zu der systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung im deutschen Machtbereich.

Weitere Bilder:

Die Stuttgarter Synagoge nach der Reichspogromnacht, © Israelische Religionsgemeinschaft Württemberg
Der zerstörte Inneraum der Gailinger Synagoge nach der Sprengung, © Verein jüdischer Geschichte Gailingen e.V./ Gemeindearchiv Gailingen)

Benutzte Quellen:

Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg:
Die Nacht als die Synagogen brannten – Texte und Materialien zum Novemberpogrom 1938, Stuttgart 1998.

Lauber, Heinz: Judenpogrom: „Reichskristallnacht“ November 1938 in Großdeutschland, Gerlingen 1981.

Pflug, Konrad: Ehemalige Synagogen als Gedenkstätten,
in: Schellinger, Uwe (Hrsg.): Gedächtnis aus Stein – Die Synagoge in Kippenheim 1852-2002, Heidelberg 2002.

Bildquellen:

Verein jüdischer Geschichte Gailingen e.V./ Gemeindearchiv Gailingen:
- Zerstörter Innenraum der Gailinger Synagoge

Hauptstaatsarchiv Stuttgart:
- Feuer auf dem Marktplatz in Tiengen, Repro (EA 99/001 Bü 305 Nr 1765)
- Brennende Synagoge in Laupheim, Repro (EA 99/001 Bü 305 Nr 1065)
 
Stadtarchiv Göppingen:
- Brennende Synagoge in Göppingen

Stadtarchiv Baden-Baden:
- Festgenommene Juden in Baden-Baden

Israelische Religionsgemeinschaft Württemberg:
- Zerstörte Synagoge in Stuttgart

Förderverein Kippenheim:
- Zerstörter Innenraum der Kippenheimer Synagoge

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Materialien und Bausteine der LpB Baden-Württemberg:

Poitik & Unterricht

Politik und Unterricht Heft 3-2008
Gedenkstätten
Lernorte zum Nationalsozialistischen Terror (2008)



Evakuiert

Materialien: "Evakuiert" und "unbekannt verzogen", 2008
Die Deportation der Juden aus Württemberg und Hohenzollern 1941 bis 1945
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PDF 2,75 MB

Materialien: "Vom Neckar zum Mittelmeer" (2008)
Jüdische Flüchtlinge aus dem schwäbischen Dorf Rexingen gründen 1938 eine neue Gemeinde in Galiläa
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PDF 2,8 MB

Materialien: "Es war ein Bahnhof ohne Rampe" (2006) Ein Konzentrationslager am Fuße der Schwäbischen Alb (KZ Bisingen)
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2,9 MB
       
Materialien:  "...es geschah am helllichten Tag" (2005) Die Deportation der badischen, pfälzer und saarländischen Juden in das Lager Gurs/Pyrenäen
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Bausteine: Ghettos - Vorstufen der Vernichtung (2000) 1939-1944  Menschen in Grenzsituationen
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pdf 1,4 MB

Bausteine: Die Nacht als die Synagogen brannten, 1998
Texte und Materialien zum 9. November 1938, als Bausteine ausgearbeitet
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PDF 6,7 MB

Bausteine: Die Erinnerung darf nicht enden (1997) Texte und Unterrichtsvorschläge zum Gedenktag 27. Januar - Befreiung aus dem Konzentrationslager Auschwitz (27.01.1945)
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Weitere Publikationen der LpB:      

Politik und Unterricht: Jüdisches Leben in Baden-Württemberg (1999)
      
Guide: Gedenkstätten in Baden-Württemberg
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Band 35 "Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs"
Hrsg.: Konrad Pflug, Ulrike Raab-Nicolai, Reinhold Weber, 2007
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Weitere Materialien und Links

AG Christlicher Kirchen in Baden-Württemberg:
Erinnerung und Umkehr - Novemberpogrome 1938
Ökumenischer Gottesdienst. Stunde der Erinnerung (PDF)
      
Gemeinsame Arbeitsstelle für gottesdienstliche Fragen der EKD:
Die "Kristallnacht" 9.November 1938 - 9.November 2008
Anregungen und Materialien zur gottesdienstlichen Gestaltung ihres 70. Jahrestages (PDF)
       
Gabeli, Helmut: Reichskristallnacht 1938: Nichts als Scherben? (2008)
Die Dimension des Novemberpogroms 1938. Verschleppte Juden in Württemberg und Hohenzollern
(Vollständiger Artikel als PDF)
      
Deutsches Historisches Museum: Die Reichspogromnacht

Shoa.de: Die Pogromnacht am 9./10. November 1938

Shoa.org: Deutschland ist ein schrecklicher Ort - November 1938

wissen.de: Reichskristallnacht: Terror gegen Juden
Multimedialexikaeintrag des Wissensportals www.wissen.de

uni-protokolle.de: Reichskristallnacht - Novemberpogrome 1938

freitag.de: Sprachstreit im Novemberland
Zum Begriff „Reichskristallnacht“: Datum, Deutung und Erinnerung des Novemberpogroms von 1938.

NS-Archiv: Reinhard Heydrich: Fernschreiben 10.11.1938
"... Synagogenbrände nur, wenn keine Brandgefahr für die Umgebung ist ..."


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