Grafeneck - Projekt: „Barrierefreie Gedenkstätte“

Dokumentationszentrum – Gedenkstätte Grafeneck Foto: Gedenkstätte Grafeneck

Modellprojekt im Zeichen von Teilhabe und Inklusion

Die Gedenkstätte Grafeneck auf der Schwäbischen Alb erinnert an die 10.654 Männer, Frauen und Kinder, die dort im Jahr 1940 im Rahmen der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen ermordet wurden.

Sie stammten aus 48 Behinderteneinrichtungen und psychiatrischen Kliniken im heuten Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Seit Januar 2014 läuft das Modellprojekt „Barrierefreie Gedenkstätte“ in Grafeneck. Ziel ist es, alle Angebote der Gedenkstätte auch für Menschen mit geistiger Behinderung zugänglich zu machen. Gefördert wird das Projekt zu gleichen Teilen durch den Bund und das Land Baden-Württemberg. Zudem besteht eine Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, die das Projekt wissenschaftlich begleitet.


Dauerausstellung im Dokumentationszentrum Foto: Gedenkstätte Grafeneck

Die Historikerin Franka Rößner und der Sonderpädagoge Sebastian Priwitzer sind seitdem mit der Entwicklung und Umsetzung eines pädagogisch-didaktischen Konzeptes beschäftigt. Derzeit wird die Dauerausstellung im Dokumentationszentrum um eine Hörversion in Leichter Sprache mit zusätzlichen Erläuterungen ergänzt. Außerdem arbeitet die Gedenkstätte an einem Orientierungssystem, das Besucherinnen und Besuchern auch außerhalb der Führungen ermöglichen soll, die Gedenkstätte zu erkunden.

2008 erhielt die Gedenkstätte Grafeneck erstmals Anfragen nach Gruppenführungen, an denen auch Menschen mit geistiger Behinderung teilnehmen wollten. Für die Gedenkstätte bedeutete dies eine besondere Herausforderung, da schnell deutlich wurde, dass die bisherigen Vermittlungskonzepte für solche Gruppen wenig geeignet waren.

Erste Erfahrungen in dieser gezielten Vermittlungsarbeit hatte man zu dem Zeitpunkt an der Gedenkstätte Hadamar in Hessen gesammelt. Dort arbeitete man damals gemeinsam mit „Mensch zuerst“ – Netzwerk People First Deutschland e.V. an einem Vermittlungskonzept für Menschen mit geistiger Behinderung.

Ein wesentlicher Punkt war dabei die Reduzierung der Komplexität der Sprache. Leichte Sprache verzichtet, soweit möglich, auf Fremdwörter, Anglizismen und Abkürzungen. Die Texte müssen außerdem von späteren Nutzerinnen und Nutzern gegengelesen und für gut befunden werden.

Die Gedenkstätte Grafeneck arbeitet bei dem Modellprojekt eng mit dem Arbeitskreis Selbstbestimmung der Lebenshilfe Reutlingen zusammen. Die Perspektiven von Menschen mit geistiger Behinderung sollen auf diese Weise Eingang in das Angebot der Gedenkstätte finden.


Reguläre Besuchergruppe vor Schloss Grafeneck  Foto: Gedenkstätte Grafeneck

Gerade bei Führungen für Menschen mit geistiger Behinderung müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gedenkstätte flexibel auf die Bedürfnisse eingehen. „Man muss die Gruppen auf ihrem individuellen Wissensstand abholen“, so Sebastian Priwitzer. Der offene Umgang mit Emotionen ist ebenso ein wichtiger Bestandteil. In den Führungen schaffen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedene Anlässe, um mit der Gruppe ins Gespräch zu kommen. Die Reaktionen und Fragen der Besucherinnen und Besucher leiten so durch die Führung.

Das Modellprojekt läuft bis Ende 2016. Bis dahin soll ein nachhaltiges Konzept stehen. Um die pädagogischen Angebote auch darüber hinaus zu etablieren, werden die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den zielgruppenspezifischen Bildungskonzepten geschult. Das Projekt schafft überdies wichtige Grundlagen für die Arbeit anderer Gedenkstätten und Bildungsträger – eine Handreichung ist ebenfalls geplant.

Durch ihre Initiative erweitert die Gedenkstätte Grafeneck nicht nur ihr eigenes Angebot. Sie setzt damit auch ein Zeichen für die Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Behinderungen und Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten im Bereich der deutschen Schriftsprache.

Weitere Informationen und Anmeldung über die Gedenkstätte Grafeneck




© 2016 Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg
www.lpb-bw.de