Gedenkstätten in Baden-Württemberg

 

Der Umgang mit den „Euthanasie“-Verbrechen von 1945 bis heute

Namesbuch der Gedenkstätte. Foto: Gedenkstätte Grafeneck
Namesbuch der Gedenkstätte. Foto: Gedenkstätte Grafeneck

Rückkehr der Samariterstiftung und juristische Aufarbeitung

In den Jahren 1946/47 wurden die durch Weisung des Stuttgarter Innenministeriums im Jahr 1939 beschlagnahmten Gebäude des Schlosses von der französischen Besatzungsbehörde an die Samariterstiftung zurückgegeben. Die behinderten Menschen, die aus Grafeneck vertriebenen worden waren und Krieg und Verfolgung überlebt hatten, zogen erneut ins Schloss ein. Mit den Grafeneck-Prozessen in Freiburg im Jahr 1948 und Tübingen im Jahr 1949 begann die juristische Aufarbeitung der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen in Baden und Württemberg.

Geschichtsverweigerung und frühe Erinnerungsformen

Trotz dieser ersten Schritte der Aufarbeitung wurde in den nächsten vier Jahrzehnten in der Region und auch darüber hinaus nicht über die NS-„Euthanasie“ gesprochen.

Die Verbrechen an behinderten und psychisch kranken Menschen wurden verdrängt – sei es aus Trauer und Betroffenheit oder aus Scham angesichts der eigenen Rolle oder Passivität in den Jahren des Nationalsozialismus.

  

Tötungsgebäude in Grafeneck


Spuren, die daran erinnerten, wurden bewusst getilgt. Das Gebäude, in dem die Morde stattfanden, wurde abgerissen. Gleichzeitig waren aber auch gegenläufige Tendenzen zu beobachten: zwei Urnengräber für die Opfer wurden angelegt und Anfang der 1960er Jahre richtete die Samariterstiftung mit Unterstützung des Landes einen ersten Gedenkort auf dem Friedhof der Einrichtung ein.

Auf dem Weg zu Gedenkstätte (1990) und Dokumentationszentrum (2005)

In den 1970er Jahren wurde das Thema gegen vielfältige Widerstände weiter in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Initiativen wie der Bund der Euthanasiegeschädigten und Zwangssterilisierten, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, aber auch die Samariterstiftung wiesen mit Kranzniederlegungen und Gedenkveranstaltungen auf die Geschichte des Ortes hin.

   

Gedenkstätte mit Namensbuch

Anlässlich des vierzigsten Jahrestages der Beschlagnahmung Grafenecks für die „Zwecke des Reichs“ nahmen am Buß- und Bettag 1979 mehr als tausend Menschen an einem Sternmarsch zum ehemaligen Ort der Vernichtung teil. Der daraufhin gegründete „Arbeitskreis Gedenkstätte Grafeneck“ brachte sich zuerst bei der Gestaltung des jährlich stattfindenden Gedenkgottesdienstes ein. Hinzu kamen erste Nachforschungen zur Geschichte der „Euthanasie“-Verbrechen in Grafeneck.

  

Dokumentationszentrum der Gedenkstätte

Mit dem Bau der Gedenkstätte in den Jahren 1989/90 wurden neue Akzente in der Erinnerungsarbeit gesetzt. Die konzeptionelle Arbeit ruhte damals auf drei Säulen:

  • das Gedenken an die Opfer,
  • das Mahnen und das Bewahren der Erinnerung sowie
  • das aktive Erinnern.

Der eigentliche Ort des Gedenkens, eine offene Kapelle, entstand 1990 mit dem Leitgedanken: „Das Gedenken braucht einen Ort“. Die notwendige Ergänzung zur Gedenkstätte, ein „Ort der Information“, wurde 2005 mit dem Dokumentationszentrum geschaffen. Es beherbergt seither eine Dauerausstellung, die umfassende Möglichkeiten wissenschaftlichen und pädagogischen Arbeitens mit Besuchergruppen bietet, eine Bibliothek, ein Archiv und das Büro von zwei hauptamtlichen Mitarbeitern.

Dimensionen der Erinnerungsarbeit

Die geschichtliche Dimension und die große geschichtspolitische Bedeutung Grafenecks für Baden-Württemberg und darüber hinaus zeigt sich heute auch in den mehr als 20.000 Besuchern, welche jährlich die Gedenkstätte und das Dokumentationszentrum besuchen.

Viele Jugend- und Konfirmandengruppen, Schülerinnen und Schüler, Tagestouristen sowie Angehörige von Ermordeten nutzen die Dauerausstellung im Dokumentationszentrum, aber auch die Führungen und Vorträge der Gedenkstättenmitarbeiter, um sich zu informieren. Die Einträge des Gästebuches zeugen von der tiefen Bestürzung der Besucherinnen und Besucher.

   

Buchstabe „K“ des Alphabetgartens

Für eine wachsende Zahl von Angehörigen der mehr als 10.000 Opfer ist Grafeneck ein Ort der Selbstvergewisserung und des Gedenkens der eigenen Familiengeschichte.

Von großer Bedeutung hierbei ist das seit 1990 erarbeitete Gedenkbuch, welches die Namen der Opfer enthält. Waren es ursprünglich 4000, sind heute mehr als 9600 Namen bekannt. Das Namensbuch ist bereits seit 1998 zusammen mit dem sogenannten Alphabetgarten Teil der Gedenkstätte.