


Jüdische Spuren in Bad Buchau
Kontaktdaten:
Marktplatz 188422 Bad Buchau
Telefon: 07582/9336-0
WWW: www.alemannia-judaica.de/synagoge_buchau.htm
Führungen:
Von März bis November (ein Mal im Monat) und nach Vereinbarung statt.
Zum jüdischen Friedhof gelangt man auf der Schussenrieder Straße, am Buchauer Hof links in die Friedhofstraße.
Tourist-Information Bad Buchau:
Tel.: (0049) 7582 9336-0
oder:
Charlotte Mayenberger, Tel.: (0049) 7582 2141
Beschreibung
Jürgen SimonWer heute auf gut ausgebauten Straßen nach Bad Buchau fährt, kann
es sich kaum vorstellen, dass dieser Ort einstmals völlig weltabgeschieden
war. Nur noch die Moorgrashalme am Straßenrand erinnern daran, dass Buchau auf einer Halbinsel im Federsee zwischen See und Sümpfen lag und lediglich armen Bauern und Handwerkern eine Heimat bot. Zwar war Buchau Reichsstadt, aber das förderte eher die Abgrenzung von den umliegenden Territorien. Buchau – das war eine der ärmsten Städte, die dem Kaiser unterstanden.
In dieser Abgeschiedenheit konnte eine jüdische Gemeinde heranwachsen,
die für die Geschichte des Ortes, ja für Oberschwaben bedeutend wurde. Mitte
des 19. Jahrhunderts war fast ein Drittel der Buchauer Einwohner jüdisch.
Während in anderen Reichsstädten jüdische Bürger unerwünscht waren,
konnten sich diese schon im Mittelalter in Buchau niederlassen – gegen eine
Aufnahmegebühr und ein jährliches Schutzgeld. „Das Geld war entscheidend
für den armen Ort“, stellt Charlotte Mayenberger nüchtern fest. Die gebürtige
Buchauerin befasst sich seit fast zwei Jahrzehnten mit der Geschichte ihres
Heimatortes.
Bereits zweihundert Jahre vor der ersten Erwähnung einer jüdischen Gemeinde
in Buchau ist 1382 schon die Rede von Juden im Ort. Aus dem Jahr 1401 ist die Zahlung von „Judensteuer“ an König Ruprecht erwähnt. Bis 1822 allerdings mussten die Juden im Ghetto leben, außerhalb des von Christen bewohnten Ortes. Die Judengasse weist heute noch auf dieses Wohnquartier hin.
Zahlreiche Spuren jüdischen Lebens
Überhaupt gibt es noch viele Spuren jüdischen Lebens in Buchau, trotz nationalsozialistischer Verschleppung und Zerstörung. Lange Zeit ließen die Bad
Buchauer Gras über diese Spuren wachsen, erst zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht gab es die erste große Ausstellung zur Geschichte der Buchauer Juden. Seit 1992 wird jährlich am 9. November mit einer Gedenkveranstaltung der ermordeten Menschen und der zerstörten jüdischen Gemeinde gedacht. Niedergebrannt ist die Buchauer Synagoge übrigens einen Tag später als die meisten anderen im Reich, denn in der Nacht vom 9. auf den 10. November löschte die Buchauer Feuerwehr den Brand, während sie eine Nacht später dann Löschverbot hatte. Die ausgebrannten Mauern wurden schließlich gesprengt und die Kosten der Sprengung von den nationalsozialistischen Machthabern der jüdischen Gemeinde in Rechnung gestellt.
Lediglich eine unauffällige Gedenktafel erinnert seit 1981 noch an das
prächtige Gebäude, das – wie nur wenige andere Synagogen – sogar einen Glockenturm hatte. Diese Glocke wurde aber, anders als es eine landläufige Legende besagt, nicht vom württembergischen König Wilhelm I. gestiftet, sondern kam erst 15 Jahre nach der offiziellen Synagogeneinweihung in den
Turm. Der König hatte allerdings einen größeren Geldbetrag für die neue
Synagoge gespendet und war selbst zur Einweihung Ende August 1839 nach
Buchau gekommen. Zunächst hing im Turm der Synagoge allerdings ein kleines
Glockenspiel. Es sollte die Mitglieder der jetzt weiter auseinander wohnenden
Gemeinde zum Gottesdienst rufen. Bis dahin wurden die eng im Ghetto zusammenlebenden Gläubigen durch den Türklopfer an der Haustür daran
erinnert, zum Beten zusammenzukommen. Weil nun die kleinen Glocken des
Glockenspiels nicht überall gehört werden konnten – zumindest war dies eine gern gegebene Begründung, wenn der Einzelne nicht zum Gottesdienst
kam –, ließ die Gemeinde 1854 in Biberach eine große Glocke gießen und in
den Turm hängen.
Im klassizistischen Stil zwischen 1838 und 1840 erbaut, war die neue Synagoge
Ausdruck der Größe und des wachsenden Wohlstands der jüdischen Gemeinde.
Erst seit 1828 war es den Juden im Königreich Württemberg – Buchau
war 1803 nach dem Reichsdeputationshauptschluss zu Württemberg gekommen – gesetzlich erlaubt, Grundstücke zu kaufen und Betriebe zu gründen. Schon wenige Jahre danach entstanden erste Textilbetriebe. Die Brüder Hermann und Franz Moos waren mit ihrer Trikotagenfabrik Anfang des 20. Jahrhunderts die Hauptarbeitgeber in Buchau. Hermann Moos gelang es noch 1939, in die Vereinigten Staaten auszuwandern, Franz Moos wurde 1942 ins KZ Theresienstadt verschleppt, wo er 1944 starb. Das Fabrikgelände in unmittelbarer Nachbarschaft zum jüdischen Viertel ist heute noch vorhanden.
Nur wenige Schritte davon entfernt ist das Schuhhaus Konrad. Der schlichte
Bau aus den 1960er-Jahren lässt nicht vermuten, dass sich hier die wohl älteste
erhaltene Versammlungsstätte der Buchauer Juden befindet: ein Betsaal
mit einer bemalten Holztafeldecke. Die Besonderheit dieser Decke ist, dass sie
zu öffnen ist. Allein so lässt sich das Laubhüttenfest („Sukkot“) der Schrift gemäß feiern, da man die Sterne am Himmel sehen soll, um sich an das provisorische Leben Israels auf der Wüstenwanderung zu erinnern. Im Buchauer Betsaal wurden zu diesem Zweck selbstverständlich nicht allein die Klapptafeln der Holzdecke geöffnet, sondern auch die Dachziegel heruntergenommen. Bereits vor der ersten Buchauer Synagoge, die 1731 fertiggestellt wurde, muss dieser Betsaal schon in Benutzung gewesen sein, vermutet der heutige Hausbesitzer. Eine genaue Datierung mit Altersbestimmung der Materialien konnte sich bisher noch niemand leisten. Doch weil sich der Saal in einem Privathaus befand, hat er wohl die Zerstörungswut der Nationalsozialisten überstanden.
Der jüdische Friedhof entgeht der Zerstörung
Der Friedhof der jüdischen Gemeinde hätte ebenfalls zerstört werden sollen –
das heißt, sämtliche Grabsteine sollten ins Moor geworfen werden. Angefangen
hatten die Nazis damit wohl während des Krieges, aber langsam und von hinten nach vorne. Weggeschafft wurden zuerst die Grabsteine der Familien, die ohnehin niemand mehr kannte, weil sie schon lange tot waren, während
sie die Grabsteine aus dem 19. und 20. Jahrhundert stehen ließen. Heute ist
die Gemeinde froh, dass alle verbliebenen 825 Grabsteine mittlerweile inventarisiert und fotografiert sind. Einer der Grabsteine, der mit der Nummer 826, wurde 2001 in Teilen auf einer Erddeponie auf der Alb gefunden und gelangte über Buttenhausen wieder an seinen alten Platz. Es ist der Grabstein des Rabbiners Maier Wolf, der von 1785 bis 1808 in Buchau tätig war und hier begraben wurde. Der Stein ist in Hebräisch beschriftet.
Die steinernen Zeugen sind geblieben, Menschen jedoch, die die Zeit der
Vernichtung jüdischen Lebens miterlebt haben, gibt es von Jahr zu Jahr weniger.
2001 startete die Geschichtslehrerin am Bad Buchauer Progymnasium,
Cornelia Ohnhaus, mit einer Arbeitsgemeinschaft, an der sich 18 Schülerinnen
und Schüler beteiligten, den Versuch, neben der allgemeinen Erforschung
der jüdischen Geschichte des Ortes doch noch Zeitzeugen des „Dritten
Reiches“ zu befragen. Die Vorstellung des Projektes bei den Seniorennachmittagen der örtlichen Kirchengemeinden brachte jedoch keine Resonanz. Erst das Nachfragen der Schüler bei Verwandten und Nachbarn führte dazu, dass sich einige wenige nach ihren Erinnerungen befragen ließen. Aussagen wie „Man hatte Angst, dass man auch abgeholt wurde, wenn man mit einem Juden sprach“ oder „Wir trauten uns nicht, [zu der niedergebrannten Synagoge] hinzugehen, weil alle Leute schon Angst hatten“, haben die Schüler auf Tonband gesammelt, andere wollten sich allenfalls ohne Tonband befragen lassen. Insgesamt bewertet Geschichtslehrerin Ohnhaus das Projekt aber als
Erfolg. Immerhin waren die Schülerinnen und Schüler bereit, über zwei Jahre
hinweg zusätzlich mindestens zwei Stunden pro Woche und am Schluss
auch noch einige Ferientage zu opfern, um sich mit der jüdischen Geschichte
ihres Schulortes zu befassen.
Es ist zu hoffen, dass im Laufe der Zeit noch mehr junge Leute von der Geschichte ihres Ortes so fasziniert werden, dass sie einen Teil ihrer Freizeit in
die Pflege der Stadtgeschichte und auch in die Pflege des jüdischen Erbes und
der jüdischen Gedenkstätten Buchaus investieren, das übrigens erst seit 1963
den Titel „Bad“ führt. Auch die Tagung der „Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum – Alemannia Judaica“ 2004 in Bad Buchau sollte ältere Menschen im Ort darauf aufmerksam machen, dass es hier bisher keinen Freundeskreis gibt, der
die Pflege dieses wichtigen Erbes unterstützt und sich in dieser Arbeitsgemeinschaft engagiert, der inzwischen mehr als einhundert Vereine und Institutionen aus Baden-Württemberg, dem bayerischen Schwaben, dem Elsass, dem Kanton Basel und Vorarlberg angehören.
Jürgen Simon hat Philosophie und Theologie studiert und ein Tageszeitungsvolontariat absolviert. Er ist seit 1987 Redakteur und war unter anderem beim Evangelischen Pressedienst (epd) und in der Diakonie tätig. Seit 2002 arbeitet er als selbstständiger Journalist und Lektor in Reutlingen.
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