

"Blaues Haus" in Breisach
Kontaktdaten:
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79206 Breisach
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Stadtarchiv Breisach
Stadtarchivar Uwe Fahrer
Münsterplatz 1
79206 Breisach am Rhein
Tel.: 07667/83265 oder 83267
Fax: 07667/83247
stadtarchiv@breisach.de
Die Bildungs- und Gedenkstätte ist nur während Veranstaltungen,
Führungen oder nach Vereinbarung geöffnet.
Die Bibliothek ist jeden Mittwoch von 14.00–17.00 Uhr geöffnet.
Beschreibung
Christoph MüllerGeschichte und Geschicke Breisachs wurden in der Neuzeit lange von der Lage des Ortes zwischen Frankreich und dem Habsburgerreich bestimmt – und von seiner Festung, die im 17. und 18. Jahrhundert eine der stärksten und größten in ganz Europa war. Wie sich erst kürzlich herausstellte, ist mit der Errichtung dieser Festungsanlage auch die Entstehung des sogenannten „Blauen Hauses“ eng verbunden, das am Abhang des Münsterberges steht. Denn das Bauwerk mit bewegter und wechselvoller Geschichte, heute eine Gedenkstätte für das jüdische Breisach, erweist sich mehr und mehr als ein auch stadtgeschichtlich bedeutsames Gebäude. Im Zuge von Restaurierungsarbeiten ab dem Jahr 2000 kam im Keller unterhalb des Hauses der ursprüngliche Untergrund zum Vorschein. Die Grundmauer des „Blauen Hauses“ entpuppte sich dabei als die alte Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert. Diese wurde zur Bebauung freigegeben, als nach dem Westfälischen Frieden von 1648 der französische König und vorübergehend auch neue Landesherr über Breisach die Stadt mit neuen Festungswerken ausbauen ließ. Das Gewölbe des Kellers des „Blauen Hauses“ wird zum Teil von einem Bogen der Brücke gebildet, die einst über den Stadtgraben zur alten Stadtmauer führte.
Die jüdische Gemeinde Breisach
Das „Blaue Haus“, 1691 erstmals urkundlich als Gaststätte St. Peter bezeugt, ist also vermutlich noch einige Jahrzehnte älter. Damals in Händen eines christlichen Besitzers, stand es im Nordosten der Stadt, wo sich verstärkt Juden niederließen, ohne jedoch dort einen geschlossenen Wohnbezirk zu bilden. Breisach wurde im 18. Jahrhundert zu einer der bedeutendsten und größten jüdischen Landgemeinden in Baden. Und der hier ansässige Joseph Guenzburger machte seinen Einfluss beim Markgrafen geltend, dem er als Finanzfachmann diente. So wurde die Ansiedlung weiterer Juden und mittelbar die Gründung von sieben weiteren jüdischen Gemeinden im Breisgau möglich.
Bedeutung für die jüdische Gemeinde in Breisach erlangte das „Blaue Haus“
erst im 19. Jahrhundert, als die jüdische Gemeinde weiter expandierte. 1804
wurde eine neue Synagoge erbaut (1868/70 umgebaut). Im Jahr 1829 kaufte die jüdische Gemeinde Breisach das „Blaue Haus“ und baute die vormalige Gaststätte zu einer Konfessionsschule um, die von 1835 bis 1876 bestand. Das Gebäude diente danach zeitweise als jüdisches Armenspital und schließlich bis zum Holocaust als jüdisches Gemeindehaus und als Kantorswohnung – mit einer anderweitigen Zwischennutzung. Als Breisach 1893 Garnisonstadt wurde, die benötigten Kasernen aber noch nicht fertig waren, wurden etwa fünf Jahre lang Teile der Garnison – wohl die Offiziere – im „Blauen Haus“ untergebracht. Zu diesem Zweck wurde das Gebäude anscheinend angemietet. Die Akten des städtischen Archivs bieten freilich keinen näheren Aufschluss über diese Episode.
„Bewusstsein der Dominanz, aber keine Feindseligkeit“
Kurz zuvor schon hatte die jüdische Gemeinde den Höhepunkt ihres Wachstums erreicht. Im Jahr 1880 besaßen 564 Breisacher die israelitische Religionszugehörigkeit – mit gut 16 Prozent war ihr Anteil an der Bevölkerung damals größer als der der Protestanten, sank freilich in der Folgezeit wieder deutlich ab. So bedeutsam die jüdische Gemeinde damals auch wirtschaftlich und demografisch war – im Gremium, das die Geschicke der Stadt bestimmte, waren die jüdischen Breisacher lange nicht repräsentiert. Bis zum Jahr 1912 war kein Jude Mitglied des Breisacher Stadtrats. In der Folgezeit gehörten regelmäßig ein bis zwei jüdische Bürger dem Rat an – mit Ida Ehre von 1919 bis 1922 bemerkenswerterweise für eine Wahlperiode auch die erste Frau und Sozialdemokratin.
1933 lebten noch achtzig jüdische Familien mit insgesamt 231 Angehörigen
in Breisach. Hans David Blum, der als einer der letzten Überlebenden der damaligen jüdischen Gemeinde zu ihrem Chronisten wurde und 1998 ein Buch zur Geschichte der Juden in Breisach vorlegte, schildert das damalige Klima in der Stadt folgendermaßen: „Wenn man die Einstellung der Breisacher christlichen Bevölkerung gegenüber den Juden anhand der nicht zahlreichen Zeugnisse, die darüber existieren, untersucht, so findet man Gleichgültigkeit, Bewusstsein der Dominanz, aber keine Feindseligkeit.“
Auslöschung der jüdischen Gemeinde
Doch schon kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 kam es in Breisach zu ersten Schikanen gegen die jüdischen Mitbürger, im Sommer 1940 dann gar zu einer eigenmächtigen kurzzeitigen Verschleppung der noch in Breisach Verbliebenen ins Elsass und zur Plünderung ihrer Häuser. Die entscheidenden Aktionen zur Diskriminierung und später zur Vernichtung der jüdischen Gemeinde wurden freilich zentral gesteuert. Beim Novemberpogrom 1938 brannte eine aus Freiburg kommende Sturmabteilung unter Leitung eines SA-Standartenführers die Synagoge nieder, deren Ruine wenig später auf Kosten der jüdischen Gemeinde abgebrochen werden musste. So musste das jüdische Gemeindehaus für eine kurze Frist noch eine weitere Funktion übernehmen. Ein Raum im Obergeschoss des „Blauen Hauses“ wurde als Gebetsraum eingerichtet und diente knapp zwei Jahre lang als Ersatz für die zerstörte Synagoge. Dann endete, wie schon zwei mittelalterliche jüdische Gemeinden in Breisach zuvor, auch die dritte, neuzeitliche durch Gewalt – dieses Mal mit einem ungeahnten und beispiellosen Ausmaß von Gewalt und Brutalität.
Die damals noch in Breisach verbliebenen mehr als fünfzig Juden wurden am 22. Oktober 1940 ins südwestfranzösische Lager Gurs deportiert, zusammen mit etwa 6 500 anderen Glaubensgenossen aus dem deutschen Südwesten. Vermutlich kamen sie auf dem Weg dorthin durch Breisach. Hier nämlich – und nicht wie lange angenommen in Neuenburg – befand sich damals die einzige noch intakte Rheinbrücke nahe Mulhouse. Breisach war somit für etwa 5 400 Deportierte die letzte Station auf ihrer Zwangsreise, die sie aus der alten Heimat in die Fremde und die meisten von ihnen letztlich in den Tod führte. Von den jüdischen Breisachern wurden mindestens 68 – für diese ist es sicher nachweisbar – während des „Dritten Reiches“ umgebracht. Etwa doppelt so viele hatten sich durch eine frühzeitige Auswanderung zunächst in das nahegelegene Frankreich, später dann vor allem in die Vereinigten Staaten retten können.
Damit hatte die jüdische Gemeinde in Breisach endgültig zu existieren aufgehört. Das Gemeindehaus ohne Gemeinde fiel im darauffolgenden Jahr an die Gugel-Werke Freiburg. Da, wo zwei Jahre lang die provisorische Gebetsstätte bestanden hatte, wurde jetzt eine Werkstätte unter anderem für Militärprodukte eingerichtet. Die Räume im Erdgeschoss wurden vermutlich für Büros und für die Verpackung der Produkte genutzt. Genaueres ist nicht bekannt.
Das „Blaue Haus“ wird Gedenkstätte
Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es geraume Zeit, ehe das „Blaue Haus“ im Jahr 1953 dem rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben wurde. Da der Oberrat der Israeliten Badens keine Verwendung dafür hatte, erfolgte 1955 der Verkauf an private Hand, in der das Haus bis Mitte 2000 verblieb. Schließlich erwarb der am 10. November 1999, dem symbolträchtigen Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938, gegründete „Förderverein Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus“ das heruntergekommene Gebäude in der Rheintorstraße, der ehemaligen Judengasse. Im Rahmen eines Workcamps der „Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste“ haben von 2002 bis 2005 Schüler und Studenten aus Deutschland, den USA und aus mehreren osteuropäischen Ländern ehrenamtlich die Fundamente des historischen Kellers freigelegt, an denen die Hausgeschichte abzulesen ist. Erst bei der umfassenden Restaurierung des Gebäudes, die 2003 vorläufig abgeschlossen wurde, bekam das Haus den charakteristischen blauen Anstrich, der es heute weithin sichtbar macht, aber ohne historisches Vorbild ist. Seit 2003 ist das „Blaue Haus“ eine Gedenk- und Bildungsstätte für die Geschichte der Juden am Oberrhein. Neben der Erinnerung soll das Haus auch der Forschung und der Begegnung dienen; es soll eine Art „begehbares Geschichtsbuch“ sein. Dieser vielfältigen Aufgabe wird der rührige Förderverein um seine Vorsitzende Christiane Walesch-Schneller durch verschiedene Maßnahmen und Projekte gerecht. So liegt etwa, direkt hinter dem Eingang, ein „Gang der Erinnerung“. Auf beiden Wänden sind dort die Namen der Mitglieder der jüdischen Gemeinde im Jahr 1933 verzeichnet, soweit sie sich bisher herausfinden ließen. Bewusst wurde die Namenliste in keine Ordnung chronologischer, alphabetischer oder sonstiger Art gebracht, um jede Form von Hierarchie oder schematischer Auflistung zu vermeiden. Die ehemaligen Wohnräume im ersten Obergeschoss werden heute als Archiv genutzt. Vorrangige Aufgabe ist es dabei, für jedes Mitglied der ehemaligen jüdischen Gemeinde zur Zeit vor ihrer Auslöschung ein Foto zu finden und die elementaren biografische Angaben zu ermitteln. Mit den jüdischen Familien, die ihre Wurzeln in Breisach haben und die über die ganze Welt verteilt sind, wird an der Dokumentation ihrer Schicksale gearbeitet, damit sie auf diese Weise gleichsam „aus dem Exil zurückkehren“ können, wie es Frau Walesch-Schneller nennt.
Dieses Ziel wurde und wird auch noch auf andere Weise verfolgt: Der Psychoanalytiker Josef Arie Kornweitz, der seit über dreißig Jahren nach den Spuren des ausgelöschten Lebens der Juden in Deutschland und Europa sucht, hat mehrfach auf Häuser in Breisach vergrößerte Schwarzweißfotos der einstigen jüdischen Besitzer projiziert. Virtuell werden die Vertriebenen und Verschleppten so wieder zu Bewohnern und Einwohnern ihrer früheren Heimat,
wie etwa der Kantor im Schwarzen Talar, fröhlich miteinander plaudernde Greise oder ein frisch vermähltes Brautpaar. Mehrere Bilder von diesen Fotoaktionen hängen heute im „Blauen Haus“. Mehrfach hat der Verein auch, unterstützt von der Stadt, ehemalige jüdische Breisacher und deren Angehörige in die Münsterstadt am Rhein eingeladen. Daraus sind inzwischen enge Bande zwischen ehemaligen und heutigen, jüdischen und nichtjüdischen Breisachern erwachsen. Bande, die nicht nur in die Vergangenheit reichen, sondern auch wieder in die Zukunft weisen.
Christoph Müller hat Geschichte und Archäologie in Freiburg und Oxford studiert. Er ist freier Publizist und Autor.
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