FriedhofHistorische Erinnerungsstätte

Kinderfriedhof Gantenwald



Kontaktdaten:

Bürgermeisteramt Bühlerzell
Heilberger Straße 4

74426 Bühlerzell

Telefon: 07974/9390-0
Telefax: 07974/9390-22
E-Mail: info@buehlerzell.de
WWW: www.buehlerzell.de/data/gedenkstaette.php

Gemeinde Bühlerzell, Ortsteil Gantenwald, Landkreis Schwäbisch Hall.
Ausgeschilderte Zufahrt mit Parkmöglichkeit von der Kreisstraße 2632 zwischen
(Sulzbach) Kohlwald und Heilberg (Bühlerzell).

Vom Parkplatz geht es ein kurzes Stück zu Fuß bergauf.
Der Besuch der Gedenkstätte ist jederzeit möglich.





Beschreibung

Konrad Pflug

Im Zuge der Besatzungspolitik des „Dritten Reiches“ wurden Männer und Frauen aus den besetzten Ländern, vornehmlich aus Osteuropa, zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht. Sie wurden vor allem zur Arbeit in der Landwirtschaft und Industrie gezwungen.
Wurden Zwangsarbeiterinnen schwanger, schob man sie bis Ende des Jahres 1942 wieder in ihre Heimatländer ab. Ab 1943 stand dann die fortgesetzte Ausbeutung der Arbeitskraft dieser Frauen im Vordergrund. Der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz, Fritz Sauckel, und der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, vereinbarten, dass zur Unterbringung der Säuglinge und Kleinkinder „Stilleinrichtungen und Kleinkinderbetreuungseinrichtungen einfachster Art“ geschaffen werden sollten. Dies geschah, um die Krankenhäuser zu entlasten, und nicht aus Fürsorge. Auch drangen durch Entbindungen in den Kliniken die Lebenswirklichkeit der zur Zwangsarbeit gepressten Mütter und die Frage nach den Vaterschaften zu sehr in die Öffentlichkeit. Als Bezeichnung der Heime wurde die beschönigende Bezeichnung „Ausländerkinder-Pflegestätten“ geprägt. Die Mütter wurden gezwungen, ihre Kinder dort zur Welt zu bringen, sie nach wenigen Tagen zu verlassen und an die Arbeit zurückzukehren. In diese Heime wurden auch andere „fremdvölkische“ Kinder eingewiesen, die nach der NS-Rassenlehre als „schlechtrassiger Nachwuchs“ klassifiziert waren. Die Bedingungen, denen die Kinder in diesen Einrichtungen ausgesetzt wurden, waren entsprechend unmenschlich.
Eine dieser „Ausländerkinder-Pflegestätten“ bestand ab Juni 1944 im Weiler
Gantenwald bei Bühlerzell. Nach den vorhandenen Unterlagen waren hier
bis Kriegsende mindestens 79 „fremdvölkische“ Kinder untergebracht. 52 davon
wurden von polnischen, ukrainischen und russischen Müttern geboren.
Aufgrund völlig unzureichender Ernährung und Kleidung, mangelhafter medizinischer Versorgung und Hygiene starben nachweislich mindestens 24 dieser Kinder. Anfänglich wurden fünf von ihnen auf dem Friedhof von Bühlerzell bestattet. Ein Grab hat sich dort erhalten. Die später gestorbenen 19 Kinder sowie eine Mutter, die kurz nach der Geburt verschied, wurden auf diesem, in einem abgelegenen Waldwinkel liegenden Friedhof begraben. Die zwanzig Namen sind:

Johann Byk                17. 09. 1944 15. 10. 1944 Polen [ohne Grabstein]
Josef Byk                   23. 05. 1944 01. 12. 1944 Polen
Johannes Didilska       15. 07. 1944 15. 04. 1945 Ukraine
Frieda Dniakowka       19. 02. 1945 27. 02. 1945 Polen
Olga Dobusch             29. 11. 1944 23. 02. 1945 Polen
Josef Fuhrmann          27. 10. 1944 21. 03. 1945 Polen
Ottilie Maria Gniecka   17. 08. 1944 22. 01. 1945 Polen
Maria Gojdez              22. 11. 1944 24. 01. 1945 Ukraine
Ceslaw Kalita             13. 11. 1944 04. 03. 1945 Polen
Walerij Kira                29. 05. 1944 11. 07. 1944 Russland [ohne Grabstein]
Hendrjk Kopcuch        19. 11. 1944 21. 01. 1945 Polen
Irmgard Malesch        28. 11. 1944 12. 04. 1945 Polen
Helene Nazyk             28. 09. 1944 11. 01. 1945 Ukraine
Eugen Rossamacha    16. 01. 1945 03. 03. 1945 Russland
Anatoli Worobewa      22. 11. 1944 12. 04. 1945 Russland
Anna Sowa                06. 01. 1945 28. 04. 1945 Polen
Michael Demostuk      11. 07. 1944 04. 05. 1945 Russland
Stefanie Kotschan      24. 12. 1944 08. 05. 1945 Ukraine [auf dem Grabstein
[Koczan]                                                                             Kotschmann]
Wanda Piechowiak      07. 01. 1945 09. 05. 1945 Polen
Eugenia Rossamacha  08. 05. 1926 16. 01. 1945 Botschekowa, Russland
                                (geb. Zarow), Mutter von Eugen Rossamacha

Im Jahr 1984 wurde der Friedhof in Gantenwald neu gestaltet. 1986 errichtete
man einen Gedenkstein mit einer Plastik von Hermann Koziol und einem
Gedenkspruch von Luise Rinser:

„Hier liegt seit 1945 eine russische Mutter neben kleinen Kindern, von Zwangsarbeiterinnen geboren und elend umgekommen. Wir gedenken in Scham und Trauer ihrer und aller Frauen und Kindergeopfert im NS-Staat in einem sinnlosen Krieg.“

Seither befindet sich der Friedhof in der Obhut der Gemeinde Bühlerzell. Er
steht unter dem Bestandsschutz des Kriegsgräbergesetzes; an den Pflegekosten beteiligen sich der Bund und das Land Baden-Württemberg.

Konrad Pflug, geboren 1946, ist Leiter der Abteilung „Demokratisches Engagement“ der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und betreut das Fachgebiet „Geschichte und Verantwortung“.




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