

Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma Heidelberg
Kontaktdaten:
Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und RomaBremeneckgasse 2
69117 Heidelberg
Telefon: 06221/981102
Telefax: 06221/981177
E-Mail: info@sintiundroma.de
WWW: www.sintiundroma.de
Ein im Frühjahr und Herbst erscheinendes Programmheft zu den Veranstaltungen des Zentrums kann dort kostenlos angefordert werden. Das Programm und die Veröffentlichungen können auch der Internetseite www.sintiundroma.de entnommen werden.
Bürozeiten
Montag bis Donnerstag: 8.15 - 17.15 Uhr
Freitag: 8.15 - 15.00 Uhr
Öffnungszeiten der Ausstellung:
Di 9.30 - 19.45 Uhr
Mi, Do, Fr 9.30 - 16.30 Uhr
Sa, So 11.00 - 16.30 Uhr
Mo sowie an gesetzlichen Feiertagen geschlossen
Eintritt frei
Führungen nach Vereinbarung
Beschreibung
Silvio PeritoreFast vier Jahrzehnte hat es gedauert, bis eine deutsche Regierung im Jahr 1982 den nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma politisch anerkannt hat. Während dieser Zeit wurde die NS-Vernichtungspolitik gegenüber dieser Minderheit in Geschichtsschreibung und Gedenkstättenarbeit weitgehend ausgeklammert. Vorrangiges Ziel des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg ist es, hier ein Umdenken zu bewirken. Mit Unterstützung der Stadt Heidelberg konnte das Zentrum zu Beginn der 90er-Jahre in der Heidelberger Altstadt eingerichtet werden. Es ist eine europaweit einzigartige, durch die Bundesregierung und das Land Baden-Württemberg institutionell geförderte Einrichtung. Nach mehrjährigen Baumaßnahmen wurde der Gebäudekomplex mit der weltweit ersten Dauerausstellung zum NS-Völkermord an den Sinti und Roma am 16. März 1997 eröffnet. Ein Gebäudeteil wird als Verwaltung des Zentrums und des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma genutzt.
Das Zentrum versteht sich als Museum zur Zeitgeschichte sowie als Ort der Erinnerung, der Begegnung, des Dialogs und der kritischen Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlich-politischen Fragestellungen. Einen Kernbereich bildet das Thema Menschenrechte. Auch als Forum für andere Minderheiten sollen hier diejenigen eine Stimme erhalten, die gegenwärtig Opfer von Diskriminierung und rassistischer Gewalt sind. Im Filmsaal veranstaltet das Zentrum Wechselausstellungen, Vorträge, Konzerte und Workshops. Den Schwerpunkt der Einrichtung bilden vier Referate mit unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten.
Das Referat Dokumentation legt die Geschichte der Sinti und Roma dar. Bislang steht die wissenschaftliche Aufarbeitung des NS-Völkermords im Vordergrund. Priorität haben Interviews mit Überlebenden und das Festhalten ihrer Erinnerungen anhand privater Zeugnisse wie Familienbilder und Dokumente. Seit seiner Gründung arbeitet das Zentrum eng mit anderen Facheinrichtungen, insbesondere den Gedenkstätten, zusammen. Für zahlreiche externe Ausstellungen wurden Opferbiografien von Sinti und Roma bereitgestellt. Neben umfangreichen Archivrecherchen im In- und Ausland wird die relevante Forschungsliteratur kontinuierlich gesichtet und ausgewertet. Inzwischen sind an über neunzig Orten Stätten der Erinnerung entstanden, an denen der im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Sinti und Roma gedacht wird. Das Referat Dialog dokumentiert die kulturellen Beiträge der Sinti und Roma auf den Gebieten Literatur, Film, bildende Kunst und Musik, um vorhandene Klischees überwinden zu helfen. Forschungsschwerpunkte sind die Bedeutung der Musik der Sinti und Roma für die Entwicklung des Jazz und des Flamenco sowie der Wiener Klassik. Das Referat führt Tagungen zur Genese, Struktur und Funktion von „Zigeunerstereotypen“ durch. Ihm obliegt auch die pädagogische Betreuung der ständigen Ausstellung, insbesondere die Führungen von Schulklassen und anderen Gruppen.
Das Referat Bildung beschäftigt sich mit der schulischen Aus- und Weiterbildung sowie mit Förderprogrammen und Stipendien. Es führt Lehrerseminare durch und erarbeitet unterrichtsbegleitende Materialien, die allgemein über die Minderheit informieren. Auf dem Schulbuchsektor und in schulpolitischen Fragen engagiert es sich für eine größere Beachtung der Sinti und Roma und für den Abbau von Vorurteilen. Weiterer Schwerpunkt ist die Bewahrung der Sprache des deutschen Romanes im Sinne der europäischen Charta für Regional- oder Minderheitensprachen.
Das Referat Beratung unterstützt Holocaust-Überlebende in Entschädigungs-angelegenheiten, nachdem Sinti und Roma auch in diesem Bereich jahrzehntelang systematisch ausgegrenzt wurden. Dies schließt die Vertretung der Individualansprüche gegenüber den Wiedergutmachungsbehörden sowie den Gerichten mit ein, um Renten für verfolgungsbedingte Schäden durchzusetzen. Die Beratungsstelle wendet sich konsequent gegen konkrete Fälle von Diskriminierungen und führt Gedenkfahrten für die Überlebenden an die historischen Orte durch.
Sinti und Roma
Sinti und Roma sind Begriffe aus der Minderheitensprache Romanes. Dabei bezeichnet Sinti die in Mitteleuropa seit dem Spätmittelalter beheimateten Angehörigen der Minderheit, Roma diejenigen südosteuropäischer Herkunft. Außerhalb des deutschen Sprachraumes wird Roma (= Mensch) auch als übergreifende Bezeichnung für die gesamte Minderheit verwendet. In den Sinti und Roma-Familien ist das Romanes neben der jeweiligen Landessprache die zweite Muttersprache und damit ein wesentlicher Teil ihrer kulturellen Identität. Das Romanes ist mit der altindischen Hochsprache Sanskrit verwandt, was auf Indien als ursprüngliches Herkunftsland der Sinti und Roma hinweist. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich in den jeweiligen europäischen Heimatländern eigene Romanes-Sprachen. Der Begriff „Zigeuner“ ist hingegen eine Fremdbezeichnung durch die Mehrheitsbevölkerung, der von vielen Sinti und Roma als diskriminierend abgelehnt wird. Benutzt man im Kontext historischer Quellen die Bezeichnung „Zigeuner“, so sind die hinter diesem Begriff stehenden Klischees und Vorurteile stets zu bedenken.
Ständige Ausstellungen
Die ständige Ausstellung zum NS-Völkermord an den Sinti und Roma in Heidelberg zeigt auf fast 700 Quadratmetern die Verfolgungsgeschichte von 1933 bis 1945. Der erste Teil dokumentiert die stufenweise Ausgrenzung und Entrechtung im Deutschen Reich bis zu den ersten Deportationen ins besetzte Polen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Der zweite Teil setzt mit dem Überfall auf die Sowjetunion ein und behandelt die systematische Vernichtung der Sinti und Roma im besetzten Europa. Den Abschluss der Ausstellung bildet ein Gedenksteg. Einzelne Ländertafeln erinnern an den Völkermord in den von NS-Deutschland besetzten oder mit ihm verbündeten Staaten. Auf eine Namenswand wird an die 21000 Sinti und Roma erinnert, die fast alle in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden. Das Heidelberger Zentrum hat darüber hinaus im Jahr 2001 im Staatlichen Museum Auschwitz, im Block 13 des ehemaligen Stammlagers, eine ständige Ausstellung zum NS-Völkermord an den Sinti und Roma realisiert. Die Ausstellung dokumentiert drei inhaltliche Bereiche: die Ausgrenzung und Entrechtung der deutschen Sinti und Roma von 1933 bis 1940, den Völkermord im besetzten Europa und die Geschichte im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.
Die Ausstellung in Heidelberg wird durch Videos mit Dokumentarfilmen und Aussagen von Überlebenden ergänzt, die individuell abrufbar sind. Für größere Gruppen steht ein Vorführraum zur Verfügung, in dem Filme zu verschiedenen Themen gezeigt werden. Für ausländische Besucher wird ein Audioführungssystem in den Sprachen Englisch, Französisch, Japanisch und Spanisch bereitgehalten. Besuchergruppen werden nach vorheriger Anmeldung Führungen mit verschiedenen thematischen Schwerpunkten angeboten. Die wichtigsten Adressaten der Ausstellung sind Schulklassen und Studierende. Dabei werden auch aktuelle Fragen zu Gefahren des Rassismus und Rechtsextremismus diskutiert.
Bildungsangebote
Weiterhin bietet das Heidelberger Zentrum Lern- und Projekttage (auch als Teil von Aus- und Fortbildungen), Projektberatung und -begleitung, Stadterkundungen zur Zeitgeschichte und „Spurensuche“, Lehrerfortbildungen, Fachtagungen, die Vermittlung von Zeitzeugengesprächen und Fachreferenten, die Organisation von Exkursionen sowie den Verleih von transportablen Ausstellungen an.
Seit 1998 existiert auch eine mobile Version der Heidelberger Ausstellung zum NS-Völkermord an den Sinti und Roma, die bislang an fast einhundert Orten zu sehen war. Im Januar 2006 wurde die neue Ausstellung des Dokumentationszentrums „The Holocaust against the Roma and Sinti and present day racism in Europe“ im Europäischen Parlament in Straßburg unter der Schirmherrschaft von Parlamentspräsident Josep Borrell der Öffentlichkeit übergeben. Unter den 250 geladenen Gästen waren Überlebende des Völkermords, Roma-Vertreter, EU-Kommissare, hohe Repräsentanten des Europäischen Parlaments und des Europarats. Die siebzig laufende Meter umfassende Ausstellung wird in der Folge in mehreren europäischen Städten gezeigt, darunter in Budapest, Pécs (Fünfkirchen), Prag, Brünn, Warschau, Kiew und in der Gedenkstätte Westerbork (Niederlande). Die englischsprachige Ausstellung wird durch ein Audioguidesystem in der jeweiligen Landessprache ergänzt.
Silvio Peritore, geboren 1961 in Karlsruhe, ist seit 1998 Leiter des Referats Dokumentation im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Er ist Mitglied im Vorstand des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma sowie in zahlreichen Beiräten und Fachgremien. Silvio Peritore hat mehrere Aufsätze zu gedenkstättenpädagogischen und museologischen Fragen zum Völkermord an den Sinti und Roma und zum Antiziganismus verfasst.
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