Historische ErinnerungsstätteSynagoge / Jüdische Gemeinde

Ehemalige Synagoge Kippenheim



Kontaktdaten:

Förderverein Ehemalige Synagoge Kippenheim e. V.
Geschäftsführung
Schlossstraße 2

77971 Kippenheim-Schmieheim

Telefon: 07822/896254
Telefax: 07822/30275
E-Mail: buero@ehemalige-synagoge-kippenheim.de
WWW: www.ehemalige-synagoge-kippenheim.de

Öffnungszeiten:

Das Gebäude ist von März bis Oktober sonntags von 14.00–17.00 Uhr oder nach Absprache geöffnet.

Führungen:

Der Förderverein bietet Führungen an, die sich für Schulklassen, Jugendgruppen, aber auch für Erwachsenengruppen eignen.

Der Beitrag beträgt pro Führung bei Schulklassen/Jugendgruppe 1,50 € und bei Erwachsenengruppen 2,50 € pro Person. Ermäßigung bei mehreren Führungen möglich. Mindestbeitrag bei Schulklassen/Jugendgruppen 20 €, bei Erwachsenengruppen 30 €.


Freier Eintritt für Landesfamilienpassinhaber





Beschreibung

Uwe Schellinger

Die Synagoge, wie man das jüdische Bet- und Versammlungshaus nennt, war das Zentrum unseres Lebens. Ich erinnere mich noch gut, wie schön sie war. Die prachtvollen Kronleuchter zogen immer meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich hatte auch jedes Mal ein besonderes und seltsames Gefühl, wenn ich Kantor Schwab unsere hebräischen Gebete singen hörte. Die meisten Juden von Kippenheim besuchten den Schabbatgottesdienst am Samstagmorgen. An unseren Feiertagen herrschte immer eine festliche Atmosphäre, und wir trugen unsere besten Kleider. Es war üblich, dass man sich nach dem Besuch der Synagoge gegenseitig besuchte und einen Fremden zu sich nach Hause zum Essen einlud.“
So beschreibt die aus Kippenheim in der Ortenau stammende jüdische Schriftstellerin Inge Auerbacher in ihrem autobiografischen Kinderbuch Ich bin ein Stern (1990) eine unwiederbringliche Epoche, in der die Lebenswelt der Juden in der Ortenau noch weitgehend intakt war. Inge Auerbacher würdigt insbesondere die seit 1852 existierende Synagoge als Zentrum des jüdischen Lebens im Dorf. Der von ihr beschriebene Synagogenbau hat die Zerstörungswut deutscher „Volksgenossen“ während des „Dritten Reiches“ überstanden. Nach langen Jahren einer meist unwürdigen Verwendung wird das Gebäude seit Anfang 1996 als Gedenkstätte, als Ort des Erinnerns, des Lernens und der Begegnung genutzt. Ermöglicht wurde dies durch die Arbeit des Fördervereins Ehemalige Synagoge Kippenheim.

Jüdisches Leben in der Ortenau

Die Geschichte der Juden in der Ortenau hat ihre Anfänge im 13. und 14. Jahrhundert. Damals waren die 14 Städte der Region ihre vorrangigen Wohnorte. Die städtische Lebensform fand durch die Vertreibung und Vernichtung der Juden in Zusammenhang mit den sogenannten „Pestpogromen“ in den Jahren 1348/49 ein gewaltsames Ende. Fortan war den Juden das Wohnen in Städten weitgehend untersagt. Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts entwickelten sich wieder neue Gemeinden in der Region. Dabei entfaltete sich ein charakteristisches Milieu, das man heute als „Landjudentum“ bezeichnet und das über zweihundert Jahre Bestand hatte. In der Mitte des 19. Jahrhunderts lebten in den Dörfern und Städten der Ortenau rund 3 000 Juden. Mit der einsetzenden Abwanderung in die Städte verkleinerten sich die jüdischen Gemeinden erheblich, so dass um die Wende zum 20. Jahrhundert in den Dörfern der südlichen Ortenau nur noch rund 1 200 Juden ansässig waren.
Das NS-Regime brachte das Ende des Landjudentums in der Ortenau. Nach den vorausgehenden unheilverheißenden Aktionen wurden in den Jahren 1940 bis 1942 sämtliche jüdische Gemeinden in der Region zerschlagen. Etwa 400 Juden aus der Ortenau fielen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zum Opfer. Die erhalten gebliebene ehemalige Synagoge in Kippenheim gilt heute als das markanteste Zeugnis jüdischer Geschichte in der Region.

Die Jüdische Gemeinde in Kippenheim

In Kippenheim waren einzelne Juden seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ansässig, eine Kultusgemeinde konstituierte sich gegen Ende des Jahrhunderts. Um 1750 errichtete man ein erstes Synagogengebäude, 1794 dann einen größeren Nachfolgebau. Im Verlauf der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbesserte sich allmählich die Rechtssituation der jüdischen Bürger, die zuvor den Status sogenannter „Schutzjuden“ hatten. 1871 erreichte die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder mit 323 Personen ihren Höchststand; das entsprach damals rund 15 Prozent der Ortsbevölkerung. Die Juden Kippenheims waren zu einem festen Bestandteil der dörflichen Gemeinschaft geworden. Sie entfalteten ein spezifisches religiös-kulturelles Leben und verfügten über spezielle Einrichtungen wie einen eigenen Gasthof und eine jüdische Metzgerei.
1933 lebten noch 144 jüdische Menschen in Kippenheim, eine Zahl, die sich durch die nachfolgenden Emigrationswellen rasch verringerte. Die in Kippenheim verbliebenen Juden sahen sich in diesen Jahren mit zahlreichen Schikanen und Demütigungen seitens der nationalsozialistischen Machthaber konfrontiert. Ihre Integration in das dörflichen Leben schwand immer mehr, wobei dieser Prozess auch von ihren christlichen Nachbarn kaum aufgehalten wurde. Im Zusammenhang mit der Deportation fast aller badischen Jüdinnen und Juden nach Gurs am 22. Oktober 1940 wurden die noch im Ort verbliebenen 31 Jüdinnen und Juden abtransportiert. Erhaltene Fotografien belegen dieses Geschehen. In den folgenden Jahren wurden insgesamt 31 Jüdinnen und Juden aus Kippenheim von den Nationalsozialisten ermordet.

Die dritte Kippenheimer Synagoge

Nachdem auch die zweite Synagoge für die stark expandierende Gemeinde zu eng geworden war, wurde in den Jahren 1850 bis 1852 ein neues, nunmehr weitaus repräsentativeres Gebäude in der Ortsmitte erbaut. Der im neoromanischen Stil gehaltene Bau kann als Beleg für das zum damaligen Zeitpunkt gestiegene Selbstbewusstsein sowie für den Integrationswillen der Kippenheimer Juden gewertet werden. Fast neun Jahrzehnte war dieses Gebäude Versammlungsort und Gottesdienstraum der Gemeinde, bis am Morgen des 10. November 1938 Angehörige der Lahrer HJ-Gebietsführerschule das Innere des Gebäudes fast vollständig demolierten und Einrichtungsgegenstände und Bücher verbrannten oder raubten. In einem symbolischen Akt ließ der NSDAP-Kreisleiter die stilisierten Gesetzestafeln vom Dachgiebel der Synagoge stürzen. In der Folge verhinderten Besitzstreitigkeiten zwischen den verschiedenen NS-Stellen den vollständigen Abbruch des Gebäudes.
Im Jahr 1950 erwarb der damalige Kippenheimer Bürgermeister privat die einstige Synagoge und richtete darin für sich eine Werkstatt ein. Sechs Jahre später übernahm die ortsansässige Raiffeisengenossenschaft das Gebäude, nutzte es fortan als Warenlager und griff dazu massiv in seine Architektur ein. Nachdem kritische Stimmen laut geworden waren und der Zustand der Synagoge als Thema auch an die Öffentlichkeit gelangt war, nahm sich die politische Gemeinde Kippenheim seit 1977 wieder des geschichtsträchtigen Bauwerks an und kaufte es 1983 zurück. In den Jahren bis 1987 wurden umfangreiche Renovierungsarbeiten durchgeführt, bei denen vor allem der Originalzustand der Außenfassade wieder hergestellt werden konnte. In den folgenden zwölf Jahren war das Gebäude an einen Restaurator als Atelier und Werkstatt vermietet und für die Bevölkerung nur in Ausnahmefällen zugänglich.

Der „Förderverein Ehemalige Synagoge Kippenheim“

Im Jahr 1999 hat die politische Gemeinde Kippenheim die ehemalige Synagoge einem drei Jahre zuvor gegründeten Förderverein zur Pacht überlassen. Seither bietet der Verein in dem Gebäude unterschiedliche Veranstaltungen an. Ausstellungen und Vorträge aus dem Bereich der historisch-politischen Bildung vornehmlich zur Geschichte des Judentums in Deutschland wechseln sich ab mit Lesungen, Kunstausstellungen und Konzerten. Einen Schwerpunkt der Arbeit bildet die Betreuung jüdischer Zeitzeugen, deren Rückkehr in die Heimatgemeinde oft mit tiefen Emotionen verbunden ist.
Regelmäßig werden auch Führungen angeboten, etwa beim jährlichen Tag des offenen Denkmals. Weiterhin beteiligt sich der Verein alljährlich am Tag der europäischen jüdischen Kultur. Die Gedenktage an die Opfer des Nationalsozialismus (27. Januar), an die Deportation der badischen Juden nach Gurs (22. Oktober) oder an die Reichspogromnacht (9. November) werden ebenfalls mit entsprechenden Veranstaltungen begangen. Am 27. Januar 1998 wurde in der Vorhalle der ehemaligen Synagoge eine Gedenktafel mit den Namen der 31 Opfer der jüdischen Gemeinde Kippenheim angebracht. 2004 konnte mit dem Projekt eines „Ortenauer Gedenkbuchs für die Opfer des Nationalsozialismus“ begonnen werden. Zudem ist die Gedenkstätte auch immer wieder der Ort für die Präsentation wissenschaftlicher Forschungen, die teilweise vom Trägerverein initiiert werden.

Die Innenrestaurierung der Synagoge

 Schon früh lag ein Konzept für Umbaumaßnahmen im Innern der ehemaligen
Synagoge vor. Die Gemeinde und der Förderverein verfolgten dabei durchgängig die Strategie einer behutsamen Restaurierung des Gebäudes. Wo möglich und sinnvoll, sollten sämtliche noch sichtbaren Spuren der Nutzungsgeschichte als historische Zeugnisse dauerhaft bewahrt bleiben. Im Frühjahr 2002 konnte mit der großzügigen finanziellen Unterstützung von Bund, Land und Kommune mit der Instandsetzung des Synagogeninnenraums begonnen werden.
Eine Mitte der 1950er-Jahre eingezogene Zwischendecke wurde wieder herausgenommen und damit der ursprüngliche Raumeindruck wiederhergestellt. Das Dachgeschoss wurde ausgebaut und bietet nun zusätzlichen Platz für Veranstaltungen. Bei den Restaurierungsarbeiten kam auch die einstige Mikwe (Ritualbad) der jüdischen Gemeinde im Kellerraum unterhalb der Synagogenvorhalle wieder zum Vorschein. Nach Abschluss der Arbeiten konnte die Gedenkstätte im September 2003 offiziell wieder eröffnet werden. Sie soll als Gedenk-, Lern- und Begegnungsort für den mittelbadischen Raum etabliert und weiterentwickelt werden, unter anderem durch eine ständige Dokumentation zur Geschichte des Ortenauer Landjudentums.

Uwe Schellinger M. A. ist Historiker und Archivar. Er lebt und arbeitet in Freiburg im Breisgau.




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