Historische Erinnerungsstätte

Albert-Schweizer-Haus (Königsfeld)



Kontaktdaten:

Das Albert Schweitzer-Haus Königsfeld
– Forum für Information und Kommunikation –
Schramberger Straße 5

78126 Königsfeld im Schwarzwald

Telefon: 07725/916942
Telefax: 07725/8009-44
WWW: www.albertschweitzer-haus.de

Öffnungszeiten:
Fr. und Sa. von 14.00–17.00 Uhr,
sonn- und feiertags von 11.00–17.00 Uhr sowie
nach Vereinbarung.

Tourist-Info Königsfeld
Friedrichstraße 5
78126 Königsfeld im Schwarzwald
Tel.: 07725/8009-45
Fax: 07725/8009-44
tourist-info@koenigsfeld.de
www.koenigsfeld.de





Beschreibung

Fritz Link

Lambarene ist meine Improvisation, ein Spital in Afrika. Aber das bleibende Haus, so hoffe ich, wird mein Denken sein.“ Treffender als mit diesem Zitat des Friedensnobelpreisträgers, Urwaldarztes, Philosophen, Theologen und Musikers Professor Dr. Albert Schweitzer könnte die Zielsetzung des Albert Schweitzer Hauses in Königsfeld im Schwarzwald nicht umschrieben werden: Albert Schweitzer zählt zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Er war nicht nur der bekannte Urwaldarzt, sondern gilt als einer der letzten Universalgelehrten, der ein umfassendes philosophisches Werk hinterlassen hat.

Der humanistische Schweitzer zeichnete sich von Jugend an als Gegner des nationalistischen Völkerverständnisses und des Nationalsozialismus aus. Schon 1923 sagte er: „Was ist Nationalismus? – Der unedle und sinnlos gesteigerte Patriotismus, der sich zur edlen und gesunden wie die Wahnidee zur normalen Überzeugung verhält.“ Schweitzer beklagte insbesondere, dass das Menschlichkeitsideal seit Beginn des 20. Jahrhunderts an Kraft verloren hatte: „Die Menschen unserer Zeit sind füreinander Deutsche, Franzosen, Engländer, Polen, aber nicht Menschen.“ Albert Schweitzer, der bis 1918 Deutscher, danach Franzose war und sich selbst als „Homme de Günsbach et citoyen du monde“ bezeichnete, sah den Nationalismus als größtes Hemmnis der Völkerverständigung an. Nur durch eine strikte Humanitätsgesinnung lasse er sich verdrängen. Den direkten Kontakt mit den Machthabern des „Dritten Reiches“ dokumentierte sein Freund Theodor Heuss anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahr 1951: „Als Goebbels in einer bemerkenswerten Instinktlosigkeit auf die Idee kam, diesen (…) Urwalddoktor (…) als Attraktion nach Deutschland zu holen, (…) hat er sein Schreiben unterzeichnet: Mit deutschem Gruß. Sie, Schweitzer, schlossen Ihre Absage mit der souveränen Formel: Mit zentralafrikanischem Gruß.“
Albert Schweitzers Frau Helene, geborene Bresslau, war die Tochter einer liberalen jüdischen Familie und gehörte zu den ersten Studentinnen in Deutschland. Sie war Waiseninspektorin in Straßburg und eine äußerst aufgeschlossene, selbstständige und intelligente Frau, die Albert Schweitzer in den 55 Jahren ihrer Freundschaft und Ehe gleichberechtigt zur Seite stand. Das gemeinsame Lebenswerk, das Albert und Helene Schweitzer 1913 im afrikanischen Gabun mit der Gründung des später weltberühmten Urwaldspitals in Lambarene geschaffen haben, hat sie – räumlich oft getrennt – zeitlebens innerlich verbunden.


Im einzigen Wohnhaus, das Albert Schweitzer in Deutschland errichten ließ, hat  der Kurort Königsfeld im Jahr 2001 aufgrund der besonderen Verbundenheit mit seinem einzigen Ehrenbürger und mit maßgeblicher Unterstützung des Landes Baden-Württemberg ein „Forum für Information und Kommunikation“ über das Leben und vor allem über das geistige Werk von Albert und Helene Schweitzer eingerichtet.


Im Rahmen eines identitätsstiftenden Bürgerprojektes, in das sich als Träger der Begegnungsstätte neben der Kommune die Herrnhuter Brüdergemeine, der Historische Verein, die Zinzendorfschulen und die Gewerbetreibenden des Ortes eingebracht haben, wurden namhafte Spenden für das Forum gesammelt. Dank dieser Unterstützung konnte in Zusammenarbeit mit der Familie Schweitzer, vertreten durch Monique Egli, einer Enkeltochter der Schweitzers, mit dem Deutschen Albert-Schweitzer-Zentrum in Frankfurt am Main sowie mit dem Kommunikationsdesigner Tomaso Carnetto eine Dauerausstellung im Erdgeschoss des Hauses geschaffen werden.


Die wichtigste Aufgabe des Forums ist es, die aktuelle Bedeutung des Lebens, des philosophischen und theologischen Werkes von Albert Schweitzer und seiner Weltanschauung der „Ehrfurcht vor dem Leben“ für die Menschen heute herauszuarbeiten. Ein besonderes Augenmerk liegt hierbei auf Helene Schweitzer, die als emanzipierte Partnerin seine schriftlichen Werke als kritische Lektorin begleitet und mitgestaltet hat und seine Entscheidung mittrug, auf eine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere zu verzichten und nach Afrika zu gehen.
Neben den baulich in nahezu unverändertem Zustand erhaltenen Räumen und der Geschichte des Hauses zeigt die Ausstellung den Friedensnobelpreisträger und seine Frau als facettenreiche Persönlichkeiten: Eine zeitgemäße Gestaltung mit modernen Medien erläutert entlang der Biografie des Paares Grundlegendes über Leben und Werk, die gemeinsame Arbeit in Lambarene, die Familie in Königsfeld und das Wirken Schweitzers als Musiker, Philosoph und Theologe.

Der Familienwohnsitz in Königsfeld

„Die Zeit in Königsfeld war die schönste meines Lebens: In Königsfeld konnte ich ruhig arbeiten, hatte eine Orgel, konnte im Wald gehen, hatte viele Freunde. Tief bewegt mich, dass meine Weltanschauung der Ehrfurcht vor allem Leben ihren Weg in der Welt macht. Mit dieser Philosophie habe ich mich schon in Königsfeld beschäftigt, im Walde von Königsfeld.“


Als Albert Schweitzer im Jahr 1965 einer Bekannten diese Zeilen schrieb – das Original des Briefes liegt im Archiv der Herrnhuter Brüdergemeine in Königsfeld –, war es schon sechs Jahre her, dass er letztmals in dem Heilklimatischen Kur- und Kneippkurort am Übergang des Schwarzwaldes zur Baar nahe Villingen-Schwenningen gewesen war. Seit Albert Schweitzer nach dem Ersten Weltkrieg den Entschluss gefasst hatte, nach Lambarene in Afrika zurückzukehren, war Königsfeld im Schwarzwald für seine Frau Helene sowie ihre einzige Tochter Rhena zur deutschen Heimat geworden.


Helene Schweitzer konnte ihn wegen eines Lungenleidens nicht mehr nach Afrika begleiten; ihre Ärzte hatten ihr einen Wohnsitz in einem Höhenluftkurort empfohlen. Sie entschied sich für das Heilklima Königsfelds, das sie von einem früheren Aufenthalt her kannte. 1923 ließ Albert Schweitzer das Haus in Königsfeld erbauen. In den folgenden Jahren bis 1957, unterbrochen lediglich durch die Monate, die sie bei ihrem Mann in Lambarene verbrachte sowie durch die Jahre der Naziherrschaft von 1933 bis 1945, lebte Helene Schweitzer in Königsfeld. Tochter Rhena wuchs hier auf, besuchte bis 1934 als „Exotin unter lauter Jungs“ die Zinzendorfschulen und lebte im Zinzendorfinternat, während die Eltern in Afrika weilten.


Albert Schweitzer pendelte zwischen seinen Wohnsitzen in Lambarene, Königsfeld und Günsbach im Elsass, sofern er nicht auf Konzert- oder Vortragsreisen war. In Königsfeld hatte die Familie einige Freunde, besonders Dr. August Heisler, Dr. Hermann Schall und die Organistin Hilde Martin. Viele ältere Königsfelder haben noch heute lebendige persönliche Erinnerungen an die Familie Schweitzer, die in der Ausstellung in Form von filmisch dokumentierten Interviews erfahrbar sind.


Albert Schweitzer liebte den 1806 von der Herrnhuter Brüdergemeine gegründeten Kurort nicht zuletzt wegen der ökumenischen Offenheit der Brüdergemeine, die noch heute prägend ist. Sie war einer der Beweggründe, sich mit seiner Familie in Königsfeld niederzulassen. 1963 schrieb er: „Ich wollte, dass meine Tochter in der Atmosphäre der Brüdergemeine aufwachse.“ Zudem war Königsfeld für ihn stets ein Refugium der Erholung und schriftstellerischen Arbeit – hier vollendete er 1929 die „Mystik des Apostels Paulus“, eines seiner theologischen Hauptwerke. Nach dem Sonntagsgottesdienst, an dem er gern auf der Orgelbank teilnahm, gab er zur Freude der Königsfelder häufig noch ein kleines Konzert.


Bei seinem letzten Europaaufenthalt 1959 übertrug Schweitzer das Haus
der Herrnhuter Brüdergemeine in Königsfeld, die es bis zur Eröffnung als Gedenk- und Begegnungsstätte als Wohnung für Erzieher ihrer Schulen nutzte. Das Obergeschoss, das Schweitzer vor allem für erholungsbedürftige Mitarbeiter des Spitals vorgesehen hatte, dient bis heute als Wohnung.

Ein Ort des Dialogs

Als „Forum für Information und Kommunikation“ versteht sich die Begegnungsstätte heute primär als Ort des Dialogs und als Anlaufpunkt für alle Albert Schweitzer-Freunde und ethisch orientierten Menschen im südwestdeutschen Raum. Schweitzer hat als ein Mensch, bei dem Reden und Handeln glaubwürdig zusammenwirkten, Fragen gestellt, auf die gerade in unserer Zeit Antworten gesucht werden müssen: Wie gelangen wir zu einer Ethik, auf deren Grundlage die weltweiten ökonomischen, ökologischen, politischen und kulturellen Probleme im Sinne eines Friedens zwischen den Menschen und Völkern gewaltfrei gelöst werden können? Welcher Bildungskanon ist hierzu erforderlich? Wie kommen wir zu einer Verständigung zwischen den Konfessionen und Religionen und welche Rolle erfüllt der Glaube heute? Und nicht zuletzt: Wie finden wir zu einem Verhältnis zur Natur, welches diese nicht einfach als Verfügungsmasse ansieht, sondern unserer Verantwortung im Sinne der „Ehrfurcht vor dem Leben“ gerecht wird?


Durch Gesprächskreise, Vorträge, Tagungen und Symposien werden diese aktuellen Zeitfragen auf der Grundlage der Ethik Albert Schweitzers beleuchtet. Hierzu zählen etwa vielbeachtete Podiumsdiskussionen zu Themen wie „Der Traum vom geklonten Paradies“ mit Ernst Luther aus Halle, der Mitglied der Enquetekommission des Deutschen Bundestages zu Recht und Ethik in der modernen Medizin (2001) war, oder „Aktive Sterbehilfe“ mit Walter Jens aus Tübingen und Ruth Lapide aus Frankfurt (2002). Bei regelmäßigen Albert Schweitzer-Tagen beschäftigen sich die Teilnehmer mit Fragestellungen wie „Afrika und wir“ (2002), „Weltreligionen und Weltethos im Zeitalter der Globalisierung“ (2003), „Helene Schweitzer-Bresslau“ (2004) oder „Ehrfurcht vor der Schöpfung – Ehrfurcht vor der Natur“ (2005).


Das Forum wird während der Öffnungszeiten am Wochenende und auf Anfrage überwiegend durch etwa 50 ehrenamtlich tätige Schweitzer-Freunde des Historischen Vereins Königsfeld e. V. betreut. Ein Studienkreis mit etwa zehn Personen hat die Einrichtung des Hauses mitgestaltet und begleitet die Veranstaltungen. Er stellt auch die Mitarbeiter, die sachkundige Führungen anbieten und Vorträge halten. Mit den Albert Schweitzer-Zentren in Frankfurt am Main, Günsbach und Weimar besteht ein enges Netzwerk, um das Denken und Handeln der Schweitzers zu bewahren und fortzusetzen.

Fritz Link ist Bürgermeister in Königsfeld im Schwarzwald und stellvertretender Vorsitzender des Historischen Vereines Königsfeld e. V.




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