

Todesmärsche Außenlager Natzweiler
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Weitere Informationen:
Todesmärsche aus dem KZ-Komplex Dachau
(Hauptlager Dachau und Außenlager Allach, Kaufering, Mühldorf und München-Ost)
Beschreibung
Georg FischerBei der Auflösung des Stammlagers „K. L. Natzweiler“ in den Vogesen im Herbst 1944 wurden die Häftlinge in das KZ Dachau oder direkt in „Außenkommandos“ genannte Außenlager transportiert. Offiziell behielt man aber den Namen „K. L. Natzweiler“ und die Führungsstruktur bis zum Ende des Krieges bei, obwohl das KZ Natzweiler nur noch aus seinen Außenkommandos und Nebenlagern in den heutigen Ländern Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg bestand.
Es ist schwer nachvollziehbar, dass sich die SS trotz der sich abzeichnenden Niederlage noch mit den KZ-Häftlingen in langen Märschen und Transporten „abgab“. Anscheinend hoffte sie doch noch auf eine Wende oder auf das geplante Rückzugsgebiet der NS-Führungselite, die sogenannte „Alpenfestung“, und plante deshalb die Weiterverwendung der Häftlinge. Während der Märsche spitzte sich die Situation der Häftlinge durch Hunger und Erschöpfung, durch Krankheiten, durch das kühle Frühlingswetter und nicht zuletzt auch durch Luftangriffe der Alliierten extrem zu. Viele Häftlinge befanden sich – so der NS-Jargon – im „Muselmann“-Stadium, das heißt kurz vor dem Tod durch Auszehrung. So kam es aus „praktischen“ Gründen zur Ermordung von Häftlingen, die nicht mehr weitermarschieren konnten. Dies geschah beispielsweise in Dalkingen im Ostalbkreis, als Vertuschungsaktion oder als letzte Handlung im Bewusstwerden der eigenen Ausweglosigkeit, des eigenen Untergangs. Für die Häftlinge wurden die Transporte damit zu „Todesmärschen“.
Die Todesmärsche
Die Lagerauflösungen brachten auch die Zivilbevölkerung in der Umgebung der Lagerorte mit dem KZ-System hautnah in Berührung. Nun waren es nicht mehr irgendwelche „Verbrecher“, die fernab „zur Arbeit zu erziehen“ waren, sondern ausgemergelte, schlecht gekleidete, meist Jammergestalten, die durch die Dörfer zur Zwangsarbeit beziehungsweise in andere Lager getrieben wurden. Die Menschen reagierten darauf vor allem verunsichert. Überlebende Häftlinge berichten von tiefer Verachtung, aber auch von aufkommendem Mitleid, das Anlass bot, den Häftlingen heimlich etwas Essen zukommen zu lassen.
Als ab März 1945 die US-amerikanische und die französische Armee den Südwesten Deutschlands befreiten, trafen sie nur noch auf rund 2 500 Häftlinge des KZ Natzweiler: auf etwa 850 im Evakuationszug der Neckarlager bei Osterburken und auf etwa 600 Schwerkranke in Vaihingen, auf etwa 600 am Bodensee aus den „Wüste-Lagern“ und auf rund 100 Häftlinge, denen die Flucht gelungen war. Die übrigen rund 20 000 Häftlinge des KZ Natzweiler- Struthof waren im Zuge der Auflösung der Außenkommandos abtransportiert worden.
Die SS evakuierte die Außenlager von Natzweiler und zwang die Häftlinge auf Fußmärsche. Darüber liegen viele Augenzeugenberichte vor. Nach den Forschungen von Robert Steegmann verließen ab Mitte März 1945 rund 12000 Häftlinge die Außenkommandos und Nebenlager in elf oder zwölf Konvois, fast alle in Richtung KZ Dachau oder „Alpenfestung“.
Die Evakuierung der Frauenlager
Ein „Frauen-Nebenlager“ wurde im September 1944 mit 700 Häftlingen in Geislingen a. d. Steige und im Januar 1945 in Calw mit 155 Frauen eingerichtet. Aus Geisenheim am Rhein mussten 200 Frauen im März 1945 zu Fuß bis Geislingen marschieren, wo sie am 28. März zusammen mit den Frauen aus Calw ankamen. Ein Zeugnis des Calwer Leidensweges, eine von den Frauen in einer Scheune in Kusterdingen angebrachte Inschrift, wird heute im Haus der Geschichte Baden-Württemberg gezeigt.
Die Frauen aus Geislingen wurden um den 10. April mit dem Zug Richtung KZ Dachau bzw. Allach transportiert, von dort Ende April Richtung Alpen. Ohne weitere Todesopfer konnten sie unterwegs jedoch bei Stalltach befreit werden. Aus dem KZ Calw kamen am 11. April noch 20 Frauen im KZ-Außenlager Allach an und mussten mit anderen zusammen Richtung Allgäu marschieren. Am 28. April 1945 wurden sie bei Füssen befreit.
Nach Dachau
Seit dem 26. März wurden in Neckargerach und Neckarelz die Häftlinge der Neckarlager, aus Heppenheim, Auerbach und Mannheim zusammengeführt. Die Gehunfähigen wurden in einen Zug verladen, dem Benzintankwaggons angehängt wurden, weil man ihn möglicherweise sprengen wollte. Der Zug kam jedoch nur bis Osterburken. So konnten etwa 850 Häftlinge nach sechs Tagen von der US-Armee befreit werden.
Die rund 2400 gehfähigen Häftlinge brachen in Marschgruppen auf, kamen bis nach Schwäbisch Hall und wurden dann mit der Eisenbahn in das KZ Dachau weitertransportiert. Dort registrierte man rund 2 300 ankommende Häftlinge. Wie viele der Fehlenden umkamen oder flohen konnten, ist ungeklärt. Mit den Häftlingen des KZ Kochendorf wurde ähnlich verfahren. Ein Krankentransportzug mit 398 Häftlingen ging am 28. März 1945 ab und kam am 2. April im KZ Dachau an. 44 Häftlingen sind in diesem Zug ums Leben gekommen.
Die 1 500 verbliebenen Gefangenen mussten am 30. März den schweren Marsch antreten. Ein Teil von ihnen traf mit 560 Häftlingen aus dem KZ Hessental zusammen, ein anderer Teil wurde auf einem anderen Weg weitertransportiert. Am 8., 11. und 12. April kamen diese Gruppen des „Kochendorfer/ Hessentaler Todesmarsches“ in Dachau beziehungsweise im Außenkommando Allach an. Etwa 220 Häftlinge überlebten den Transport und die Märsche nicht. Sie kamen durch Entkräftung und rücksichtslose Ermordung der Gehunfähigen durch das Wachpersonal um.
Im Anfang September 1944 errichteten KZ Neckargartach waren slowenische Häftlinge, die ausführliche Berichte hinterließen. Von den 1 100 Häftlingen wurden 312 am Karfreitag mit einem Krankentransportzug evakuiert, am Ostersonntag, dem 1. April 1945, mussten die noch etwa 800 Häftlinge einen über 320 km langen Fußmarsch antreten. Am 27. April erreichten sie in katastrophalem gesundheitlichen Zustand das KZ Dachau. Bis zu siebzig von ihnen waren umgekommen, etwa vierzig Häftlingen war die Flucht gelungen.
In Richtung Allgäu
Viele der aus dem KZ Leonberg evakuierten Häftlinge hatten schon Todesmärsche hinter sich, bevor sie in Leonberg angekommen waren. Als die etwa 2 700 Häftlinge am 15. April 1945 von Leonberg in die Dachauer KZ-Außenlager Kaufering und Mühldorf verbracht wurden und dort am 17. April ankamen, war ihr Leidensweg noch nicht zu Ende. Sie mussten bis zur Befreiung weitere Irrwege und Irrfahrten überleben. Wegen der immer neu zusammengestellten Transporte kann nicht mehr errechnet werden, wie viele der ehemals Leonberger Häftlinge gestorben sind.
Als „Wüste-Lager“ wird der Lager- und Ölindustriekomplex am Albtrauf nordöstlich von Rottweil bezeichnet. Von hier gingen Krankentransporte mit dem Zug in Richtung Dachau ab, die Fußmärsche bewegten sich ins Allgäu und an den Bodensee. Zwischen dem 12. und 17. April 1945 führten mehrere Transporte mit mindestens 362 Häftlingen von Schömberg in das KZ Dachau. Die in Schömberg verbliebenen Häftlinge verließen das Lager am 18. April 1945 zum Todesmarsch.
Ein Überlebender beschrieb diesen Marsch, der über Memmingen und Kempten in den Raum Füssen und Garmisch führte. Am 29. April verkündeten die SS-Leute bei Mittenwald den Häftlingen, sie seien frei. Am 1. Mai 1945 wurden sie von US-Soldaten aufgegriffen und versorgt.
In Schörzingen blieben bis zum 20. April 1945 ungefähr 650 Häftlinge. Als die Alliierten noch rund 20 Kilometer entfernt waren, wurde das KZ evakuiert. Der Fußmarsch ging Richtung Bodensee, wobei Häftlinge einen Wagen mit den Materialien der SS ziehen mussten. Der SS-Scharführer folgte per Motorrad. Häftlingskolonnen von Schömberg, Dautmergen, Frommern und Erzingen schlossen sich an. Bis zu 4 000 Männer marschierten durch die Nächte, um den Luftangriffen kein Ziel zu bieten. Nach über drei Tagen kamen sie in Ostrach und Althausen an, wo sie von französischen Truppen befreit wurden.
Die Todesmärsche waren noch nicht das Ende des Sterbens
Mit dem Eintreffen am Zielort war das Leiden für viele Häftlinge noch nicht zu Ende. Ernest Gillen, später Konsul von Luxemburg und im Jahr 2002 für seinen unermüdlichen Einsatz zur Bewahrung der Erinnerung und für die Verständigung mit der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet, erreichte das Lager am Flughafen München Riem am 5. April 1945. Seine Evakuierung aus dem Nebenlager Heppenheim hatte am 23.März zu Fuß begonnen, führte über Neckarelz, Kupferzell und Schwäbisch Hall, dann mit der Eisenbahn weiter und endete am 2. April 1945 im KZ Dachau. Mit 1 500 Häftlingen musste er auf dem Flugfeld von Riem noch bis zum 29. April Schäden reparieren. Fast 200 seiner Kameraden überlebten dies nicht. Dann wurde auch dieses Nebenlager des KZ Dachau geräumt. Gillen und seine Marschgruppe mussten abermals einen Todesmarsch antreten. Sie wurden bis an den Tegernsee getrieben, was weitere Opfer forderte. Dort konnten er und sein Freund Aloys Wies sich von der Gruppe absetzen. Sie fanden Verstecke und wurden am 4. Mai 1945 von Amerikanern am Schliersee befreit.
Der französische Historiker Robert Steegmann errechnete nach intensiven Forschungen und nach der Auswertung der noch vorhandenen Nummernbücher die Zahl von insgesamt 52 000 Häftlingen des KZ-Komplexes Natzweiler- Struthof. Fast 22 000 Häftlinge starben, über 3 000 im Stammlager, fast 8000 in den Außenlagern und Außenkommandos, etwa 350 wurden vergast oder exekutiert, etwa 3 000 wurden in den letzten Wochen nicht mehr registriert oder ihre Unterlagen vernichtet, 5 000 kamen während der Evakuierungen und den Todesmärschen um, fast 1 000 der lebensbedrohlich Geschwächten starben noch unmittelbar nach der Befreiung an den Folgen der Torturen und Strapazen.
Erinnerung an die Todesmärsche
Nur an wenigen Stellen wird heute in Baden-Württemberg an die Todesmärsche und deren Opfer erinnert. Stelen und Erinnerungstafeln befinden sich im Landkreis Schwäbisch Hall für den Hessentaler Todesmarsch am Bahnhof Schwäbisch Hall-Hessental und in Schwäbisch Hall-Dürrenzimmern, in Obersontheim (Markung Hausen), in Bühlertann und im Ortsteil Fronrot. Für den Kochendorfer Todesmarsch in Schwäbisch Hall-Wielandsweiler, Oberrot (Ortsmitte), Fichtenberg am Bahnhof, Gaildorf-Unterrot, in Sulzbach-Laufen an der B 19 und in Mainhardt-Hütten am Friedhof.
Im Ostalbkreis gibt es Stelen, Tafeln und Gedenksteine an der L 1060 zwischen Willa und Rosenberg, bei Adelmannsfelden an der Abzweigung zur L 1073, zwischen Röhlingen und Zöbingen an der Abzweigung zur K 3203, in Benzenzimmern Richtung bayerische Grenze, auf dem Friedhof von Zöbingen, an der B 19 westlich von Untergröningen, am Ortseingang von Hüttlingen- Niederalfingen, an der B 10 am Abzweig nach Algishofen sowie in Dalkingen am Ortsausgang Richtung Westhausen.
In Ostrach im Landkreis Sigmaringen befinden sich Gräber etwa 500 m nach Ostrach in Richtung Pfullendorf am Waldrand. In Stuttgart existiert im Haus der Geschichte Baden-Württemberg ein Balken mit einer Inschrift aus einer Scheune in Kusterdingen.
Dr. Georg Fischer, geboren 1947, arbeitet in der Erwachsenenbildung. Er ist im Verein KZGedenkstätte Neckarelz ehrenamtlich als Vorstandsmitglied, Autor und Lotse engagiert.
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