Historische ErinnerungsstätteSynagoge / Jüdische Gemeinde

Holzvertäfelung der Unterlimpurger Synagoge (Schwäbisch Hall)



Kontaktdaten:


Stadt Schwäbisch Hall
Hällisch-Fränkisches Museum
Keckenhof 6

74523 Schwäbisch Hall

Telefon: 0791/751-360
E-Mail: hfm@schwaebischhall.de
WWW: www.schwaebischhall.de

Weitere Informationen sowie Abbildungen der Holzvertäfelung (Foto:Roland Baur):
www.alemannia-judaica.de/unterlimpurg_synagoge.htm





Beschreibung

Peter I. Trummer

Dass die Darstellung jüdischen Lebens auf dem Gebiet des heutigen Baden Württemberg mehr umfasst als die Schreckensjahre unter der NS-Diktatur, ist eine Selbstverständlichkeit. Die Präsentationen und Exponate in den Museen, die in ihrer Bedeutung über den regionalen Kontext hinausweisen, sind jedoch eher rar gesät. Ein solches Beispiel ist die Holzvertäfelung der Synagoge aus Unterlimpurg, die sich heute in der Abteilung „Jüdisches Leben“ im Hällisch-Fränkischen Museum in Schwäbisch Hall befindet. Sie wird zu den bedeutendsten Judaika in Deutschland gezählt. Der Bereich „Jüdisches Leben“ folgt in dem Museum in Schwäbisch Hall unmittelbar auf die Abteilung zum Thema Nationalsozialismus, in der die NS-Rassen- und Verfolgungspolitik, aber auch der Alltag in der Stadt und in der Umgebung von Schwäbisch Hall von 1933 bis 1945 dargestellt werden. Dort findet sich auch ein Hinweis auf den Fliegerhorst Hessental und das dortige Konzentrationslager. Den Übergang zur Abteilung „Jüdisches Leben“ bildet eine Wand mit Namen der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Schwäbisch Hall, die der NS-Herrschaft zum Opfer fielen. Dies symbolisiert auch die Rückbesinnung auf die „verlorenen Welten“ jüdischen Lebens im ehemaligen Rabbinatsbezirk Braunsbach-Schwäbisch Hall, die mittels der ausgewählten Zeugnisse möglich ist.

Jüdisches Leben in Hall und Umgebung bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts

Erste sichere Nachweise des Aufenthaltes von Juden in Hall ergeben sich aus dem Reichssteuerverzeichnis aus dem Jahr 1241. Die Juden unterstanden seit dem 13. Jahrhundert direkt dem Kaiser. Die Erträge aus der Judensteuer überließ er zeitweise der Freien Reichsstadt Hall mit der Auflage, die Juden zu schützen. Im Rahmen der Pestpogrome von 1348/49 kam es auch in Hall zu den üblichen Verleumdungen der Juden als Brunnenvergifter und Ritualmörder, denen brutale Verfolgung und Ermordung folgten. Der Historiker Gerhard Taddey geht davon aus, dass es in der Folgezeit zwar keine Pogrome mehr gab, der Druck über Finanzabgaben und Verordnungen auf die Juden jedoch beständig war und auch gelegentliche religiös motivierte Vertreibungen einschloss.
Im Jahr 1457 wurde die Haller Synagoge verkauft, was darauf schließen lässt, dass es kein regelmäßiges jüdisches Leben in der Stadt mehr gab. Händlern, die an Markttagen nach Hall kamen, war normalerweise die Übernachtung in der Stadt untersagt. Zu dieser Zeit fanden Juden Aufnahme in der Umgebung der Stadt bei den Schenken von Limpurg und im Dorf Steinbach im Gebiet des Klosters bzw. des Stiftes Comburg und durften sich ansiedeln. Für die jeweilige Herrschaft standen dabei Einnahmen durch die Judensteuern und Schutzgeld im Vordergrund. Als das Dorf Unterlimpurg 1541 von der Reichsstadt Hall erworben wurde, durften die dort ansässigen Juden im Ort wohnen bleiben. Es ist davon auszugehen, dass ab 1688 der Rechtsstatus der jüdischen Haushalte in Unterlimpurg durch die Stadt Hall toleriert wurde. Die jüdischen Ansiedlungen im Umfeld der Stadt sind von besonderem Interesse, da sie sich in den folgenden Jahrhunderten an Schnittlinien unterschiedlicher Herrschaften befanden: sowohl unter weltlicher als auch geistlicher Herrschaft und nach der Reformation zusätzlich als religiöse Minderheit unter protestantischer sowie katholischer Herrschaft. Die Synagogenausstattung steht also auch für die beiden jüdischen Gemeinden, die wohl über längere Zeit ein religiöses Leben im Wechsel zwischen Steinbach und Unterlimpurg führten.

Die Einrichtung von Betstuben und Synagogen in Steinbach und Unterlimpurg

Im Jahr 1676 mussten die Juden auf Weisung des Stiftskapitels ihre Häuser in Steinbach verkaufen und den Ort verlassen. Eine Generation später, um 1700, wurde dem Juden Mayer Seligmann ein Schutzbrief ausgestellt. Weitere Familien durften sich in der „Judengasse“ ansiedeln. Bereits 1702 soll im Haus von Seligmann eine Betstube eingerichtet gewesen sein. Auch im benachbarten Unterlimpurg – unter Haller Oberhoheit – wurde mit dem Erwerb eines Hauses durch Moses Mayer die Einrichtung einer Zimmersynagoge möglich. Spätestens für die Zeit ab 1718 wird eine solche angenommen. Im Jahr 1737 baten die Steinbacher Juden, an Sabbattagen „Schul“, also Gottesdienst, am Ort halten zu dürfen, da der Weg nach Unterlimpurg vor allem bei schlechtem Wetter zu beschwerlich sei. Gegen Zahlung eines „Rekognitionszinses“ gestattete das Stift Comburg diese religiöse Betätigung. Das Jahr 1737 scheint denn auch das Jahr zu sein, in dem sich die beiden jüdischen Gemeinden trennten und jeweils eigene Gottesdienste abhielten. In die Zeit dieses Wetteiferns der Gemeinden fällt der Auftrag von 1738/39 an den jüdischen Wandermaler Eliezer Sussmann aus Polen, die Holzvertäfelungen in beiden Synagogen zu bemalen.
Da für einen jüdischen Gottesdienst die Versammlung von mindestens zehn männlichen Gemeindemitgliedern notwendig ist, waren die beiden Gemeinden wohl immer wieder auf gegenseitige Unterstützung angewiesen. Ab 1771 wurde eine Vereinbarung zwischen ihnen getroffen, die Gottesdienste („Schulgang“) jährlich wechseln zu lassen. Diese Übereinkunft war nicht von langer Dauer, so dass von 1771 bis 1782 sowohl die Moses Meyersche Synagoge in Unterlimpurg als auch die Steinbacher Synagoge im Haus von Herzle Abraham genutzt wurde. Nach dem Bankrott von Löw Mayer im Jahr 1782, spätestens jedoch nach dem Übergang des Hauses in den Besitz eines Christen im Jahr 1788, wurde die Synagoge ausschließlich in Steinbach gehalten.
Im Jahr 1783 verließ der letzte Schutzjude Hall. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts veränderte sich die Situation für die jüdische Bevölkerung grundlegend. Mit dem Übergang der Reichsstadt Hall an Württemberg im Jahr 1802 durften sich Juden in der Stadt wieder ohne Beschränkungen ansiedeln. 1809 wurde auch die Errichtung eines neuen Synagogenbaus in Steinbach abgeschlossen. Die beiden Räume der damit obsolet gewordenen Zimmersynagoge im Dachgeschoss des Hauses von Aron Herzle in Steinbach wurden von ihm für andere Zwecke benötigt und gerieten in Vergessenheit. Bis 1935 wurden an Festtagen die Gottesdienste der beiden Gemeinden gemeinsam in Steinbach gefeiert. Die Synagoge wurde im Zuge der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 geschändet.

Die Wiederentdeckung und museale Erhaltung der Holztäfelung

Erst 1904 hatte der jüdische Lehrer Nathan Hähnlein in einem Vortrag vor dem Historischen Verein für Württembergisch Franken auf die herausragende Holzverkleidung und Bemalung der Unterlimpurger Synagoge hingewiesen. Drei Jahre später bot der Frankfurter Verein für jüdische Altertümer dem Hausbesitzer Waller den Kauf der Einrichtung an. Auch das Königreich Württemberg zeigte Interesse. Letztlich erhielt der Historische Verein den Zuschlag. Die bemalten Wand- und Deckenvertäfelungen aus zwei Räumen, der Männer- und Frauenabteilung der Synagoge, wurden 1906 in dem neu eingerichteten Museum im historischen Gerber-, bzw. Färberhaus aufgebaut. 1936 zog das Museum in Räume der mittelalterlichen Haller Keckenburg.
Nach der 1956 erfolgten Neuordnung der Sammlung und einer späteren Restaurierung zählt die wohl aus dem 16. Jahrhundert stammende Holztäfelung vor allem wegen der Bemalung von 1728 durch den jüdischen Wandermaler Eliezer Sussmann ben Salomo Katz aus Brod/Brody (damals Polen, heute Ukraine) zu den herausragenden Schätzen des Hällisch-Fränkischen Museums. Von der Holzvertäfelung sind drei Wände des Betraums sowie die Decke im Museum rekonstruiert. Die farbigen Bemalungen enthalten religiöse Sprüche und Arabesken – Blumen, Ranken, Vögel, Säugetiere und Städtebilder, darunter eine Abbildung von Jerusalem. Zudem ist auch ein Thoraschrein erhalten. Daneben findet sich als ebenfalls herausragendes Exponat eine Laubhütte von 1882 aus Öhringen. In einem Ruhebereich in der Abteilung werden den Besuchern visuelle Medien und Literatur zur weiteren Vertiefung angeboten.

Peter I. Trummer M. A. ist Mitarbeiter der Landeszentrale für politische Bildung Baden- Württemberg und Lehrbeauftragter für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität (TH) Karlsruhe.




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