Historische Erinnerungsstätte

Lager Weinsberg



Kontaktdaten:

Dokumentationsstätte Lager Weinsberg Karl-Weinbrenner-Straße
74189 Weinsberg

Telefon: 07134/512-0
E-Mail: stadt@weinsberg.de
WWW: www.weinsberg.de

Ansprechpartnerin:
Christine Lechner
Kultur und Sport
Tel.: 07134 / 512 - 112
Fax: 07134 / 512 - 199
christine.lechner@weinsberg.de
Online-Bereich Lager Weinsberg

Geöffnet:
1. Sonntag im Monat 14:00 - 17:00 Uhr und nach Vereinbarung

Eintritt frei





Beschreibung

Jürgen Simon

Wer durch die verkehrsberuhigten Straßen der Siedlung im Süden von Weinsberg fährt, ahnt nicht, dass hier im Zweiten Weltkrieg tausende Offiziere eingesperrt waren. In einer eher unauffälligen Baracke am Ende einer Sackgasse sind Erinnerungsstücke aus jener Zeit ausgestellt. Nach 1945 diente das Lager für deutsche Flüchtlinge und Spätaussiedler als Durchgangslager.
Am ersten Sonntag im Monat sind die Türen der Baracke für Besucher geöffnet, der Kustos der kleinen Ausstellung, Bernd Liebig, führt Gruppen oder Schulklassen – auch nach Vereinbarung – an den Bildern und Vitrinen entlang. Erst durch seine Einführungen werden die wenigen Originale aus jener Zeit lebendig. Er kann erklären, warum die Weinsberger sich in den 1930er-Jahren für ein Lager eingesetzt haben und warum es in späteren Jahrzehnten zeitweise ein gemiedener Ort geworden war.

Landwehrlager als Konjunkturanreiz

Geplant und gewünscht war das Lager, weil Weinsberg sich, so würde es heute formuliert werden, lokale Konjunkturanreize und Standortvorteile versprach, wenn für die Landwehr ein Lager, also eine Kaserne, entstünde. Die vom preußischen Militär übernommene Institution der Landwehr umfasste alle Reservisten zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr. Man erwartete also keine ungestümen jungen Rekruten, sondern gestandene Männer, rund 1 000 an der Zahl, die jeweils für drei Wochen zu Wehrübungen in die Kasernen kommen sollten. Die Stadt Weinsberg hatte damals um die 4 000 Einwohner.

Kriegsgefangenenlager für Offiziere

In der Tat bot das Lager Arbeitsplätze für Zivilangestellte, verschaffte dem Handwerk am Ort Aufträge und der Gastronomie Kundschaft. Das änderte sich nach Kriegsbeginn, denn Ende 1939 wurde das Landwehrlager zum Kriegsgefangenenlager. Wachtürme wurden errichtet, ein doppelter Stacheldrahtzaun um das Gelände gezogen und vergitterte Fenster eingebaut. Trotzdem blieb es eine Art bessere Adresse, denn es wurde – im Unterschied zum Stammlager für Mannschaftsgrade – ausschließlich als Offiziersgefangenenlager genutzt. Häufige Besuche von zivilen und militärischen Kommissionen aus dem Ausland sowie von Delegationen des Internationalen Roten Kreuzes garantierten den Gefangenen gute Lebensbedingungen. Auch der deutsche Lagerkommandant, Major Seeger, bestand auf fairer Behandlung der Kriegsgefangenen, was von den Gefangenen vielfach bestätigt wurde. Die längste Zeit wurde das Kriegsgefangenenlager für französische Offiziere genutzt, die beiden letzten Kriegsjahre waren Briten hier untergebracht.
Nach der Genfer Konvention waren kriegsgefangene Offiziere von der Arbeit freigestellt, einfache Soldaten waren als Ordonanzen zur Bedienung der Offiziere und zu Arbeiten im Lager eingesetzt. Folglich wurde der Mangel an Beschäftigung zum Hauptproblem für die Gefangenen. Sie verbrachten die Zeit mit Spaziergängen und Sport, spielten Boule, Karten oder Schach, beschäftigten sich mit Lesen, Zeichnen oder Bastelarbeiten. Eine Sammlung von Zeichnungen, die die Offiziere in diesen Jahren gemacht haben, ist eines der wenigen umfangreichen Originale aus den Händen der Gefangenen. Eine Auswahl ist in der Gedenkstätte zu sehen.
Manche Offiziere meldeten sich freiwillig zur Arbeit in der Lagerverwaltung oder in der Landwirtschaft. Dann konnten sie das Lagergelände tagsüber verlassen. Es ergaben sich dabei freundschaftliche Kontakte zur Weinsberger Bevölkerung, obwohl dies offiziell natürlich verboten war. Auch Kultur und Bildung wurden nicht vernachlässigt: Die französischen Offiziere gründeten wenige Wochen nach ihrem Eintreffen im Lager die „Université libre“, die „freie Universität“. Entsprechend den Berufen der Offiziere, die meist Reservisten mittleren Alters mit akademischer Bildung waren, wurden Jura, Theologie, Geschichte, Mathematik, verschiedene Sprachen, vor allem Deutsch, gelehrt, zur beruflichen Weiterbildung auch Buchführung und Stenografie.
Im Oktober 1943 wurden die Franzosen aus Weinsberg in andere Offizierlager verlegt. Im folgenden Monat trafen 1176 britische Kriegsgefangene ein, die überwiegend im Wüstenkrieg in Nordafrika in Gefangenschaft geraten waren. Sie übernahmen alle kulturellen Einrichtungen des Lagers, auch die Vorlesungen. Sie durften auch einen Sportplatz außerhalb des Lagers benutzen oder dort unter Aufsicht zeichnen. Anders als die Franzosen vermieden die Briten jedoch Kontakte zur Bevölkerung.
Bei der Aufarbeitung des historischen Materials stieß Bernd Liebig, Historiker und von 1994 bis 1996 mit der Zusammenstellung des Materials zur Lagergeschichte beauftragt, auch auf prominente Militärs, die als Offiziere in Weinsberg waren, wie etwa den Franzosen Guy Mollet, den späteren französischen Ministerpräsidenten von 1956 bis 1957, oder den Neuseeländer Charles Upham, den höchstdekorierten Offizier der königlich-britischen Armee. Solch berühmte Militärs konnte Kustos Liebig in der Gedenkstätte Weinsberg zwar nicht begrüßen, aber gelegentlich kommen einige der ehemaligen Kriegsgefangenen, um zu sehen, was aus Stadt und Lager geworden ist.

Das Lager nach dem Zweiten Weltkrieg

Am 30. März 1945 räumte die Wehrmacht das Lager Weinsberg, das bis dahin der Stadt Schutz vor feindlichen Bombenangriffen bot. Am 12. April wurde Weinsberg von der US-Luftwaffe bombardiert und in großen Teilen zerstört. Doch das Lager konnte weiter genutzt werden, Ende Juni 1945 mussten sich dort sogar 5 800 Menschen den einst für 1 000 Insassen geplanten Platz teilen. Warum?
Bei Kriegsende befanden sich in Deutschland etwa 6,5 Millionen ausländische Kriegsgefangene und Zwangsverschleppte, die als sogenannte „Displaced Persons“ betreut und bis zur Rückkehr in die Heimat oder in ein anderes Land untergebracht werden mussten. Das Lager Weinsberg wurde bis 1953 als ein solches DP-Camp genutzt. Ende September 1945 waren es rund 3 900 Bewohner – ausschließlich Polen. Das entsprach der Politik der Amerikaner, national homogene Lager zu bilden. Da viele dieser Polen nicht in ihr inzwischen kommunistisch regiertes Heimatland zurückkehren wollten, konnten sie nach einiger Zeit des Wartens in die USA, nach England oder Kanada auswandern.
Die meisten der polnischen Männer und Frauen waren im heiratsfähigen Alter. Nachdem während des Kriegs Heiraten verboten waren, wurden nun zahlreiche Ehen geschlossen und Kinder geboren, die zum Teil auch aus nichtehelichen Verbindungen stammten. Dies erforderte die Einrichtung eines Kindergartens und später einer Lagerschule in polnischer Sprache.
Die Weinsberger Bevölkerung hatte ein eher gespanntes Verhältnis zu
den Lagerbewohnern, die sich nun als freie Menschen in der Stadt aufhalten konnten und von denen sich jetzt einige für ihr Leid eigenmächtig entschädigen wollten. Es kam zu Gewalttätigkeiten, die Einheimischen hatten unter Diebstählen und Plünderungen zu leiden, hinzu kam der exzessive Alkoholkonsum der Lagerbewohner. Die Lagerleitung sprach deshalb ein Alkoholverbot aus, es wurden verschärfte Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Zudem kam wohl auch Neid auf: Die Verpflegung der Lagerbewohner war mit 2 300 Kalorien pro Tag besser als die der deutschen Bevölkerung mit 1 652 Kalorien – und sämtliche Lebensmittel für das Lager wurden aus einheimischen Beständen entnommen, was die ohnehin schlechte Versorgungslage zuspitzte.

Durchgangslager für Nord-Württemberg

Im Jahr 1952 beschloss man, das Lager künftig als „Durchgangslager des Regierungsbezirks Nord-Württemberg“ für deutsche Flüchtlinge zu nutzen. Die letzten polnischen Lagerinsassen, die sich geweigert hatten, das Lager zu verlassen, wurden am 3. Februar 1953 zwangsevakuiert und in andere Wohnheime gebracht. Im neuen Durchgangslager, das immer noch aus den alten Baracken bestand, waren im Laufe der folgenden fast zwanzig Jahre insgesamt 70000 Personen vorübergehend untergebracht. Zuerst waren es überwiegend Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, dann bis August 1961 „Ostzonen“-Flüchtlinge und zuletzt vorwiegend Spätaussiedler. Im Mai 1953 zum Beispiel befanden sich bereits wieder 3344 Menschen im Lager. Wegen der Überbelegung herrschte bis zum Bau der Mauer 1961 drangvolle Enge: Teilweise mussten vier Familien in einem Raum miteinander leben. Die einzelnen Wohnbereiche wurden lediglich durch aufgehängte Wolldecken abgegrenzt, eine Privatsphäre gab es nicht. Das Essen wurde für alle in der Lagerküche gekocht und dort abgeholt, Wäsche zentral in der Lagerwäscherei gewaschen. Viele Menschen mussten in jenen Jahren durch Kleiderspenden eingekleidet werden.
Diese ärmlichen Verhältnisse und der ghettoähnliche Zustand des Lagers mit dem nach wie vor bestehenden Stacheldrahtzaun führten, so hat Bernd Liebig bei seinen historischen Recherchen herausgefunden, zu starken seelischen Belastungen für die Lagerbewohner, die zusätzlich mit dem Verlust ihrer Heimat fertigwerden mussten. Zudem dauerte der Aufenthalt im Provisorium recht lange: Im Durchschnitt lebten die Menschen ein bis zwei Jahre im Lager.
Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 verringerte sich die Zahl der „Ostzonen“- Flüchtlinge drastisch; nun kamen überwiegend Spätaussiedler in das Lager. Die Wohnverhältnisse verbesserten sich mit abnehmender Belegung deutlich. Außerdem entspannte sich die Lage beim Wohnungsbau und am Arbeitsmarkt. Anfang der 1970er-Jahre gab es keine Neuaufnahmen mehr. Die letzten Lagerbewohner, eine Gruppe älterer Menschen, wurden seniorengerecht untergebracht. Der Abrissbagger machte 1975 dann die Baracken nieder – bis auf eine, in der später die heutige Dokumentationsstätte eingerichtet wurde. Das übrige Gelände wurde in den 80er- und 90er-Jahren überbaut.

Jürgen Simon hat Philosophie und Theologie studiert und ein Tageszeitungsvolontariat absolviert. Er ist seit 1987 Redakteur und war unter anderem beim Evangelischen Pressedienst (epd) und in der Diakonie tätig. Seit 2002 arbeitet er als selbstständiger Journalist und Lektor in Reutlingen.






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