Historische ErinnerungsstätteKonzentrationslager

KZ-Gedenkstätte Sandhofen



Kontaktdaten:

Gustav-Wiederkehr-Schule
Kriegerstraße 28

68307 Mannheim-Sandhofen

Telefon: 0621 33856-0
Telefax: 0621 33856-16
E-Mail: sjr-mannheim@t-online.de
WWW: www.kz-gedenkstaette-sandhofen.de

Träger der Einrichtung
Verein KZ-Gedenkstätte Sandhofen e.V.

Kontakt
c/o Stadtjugendring e.V.
Neckarpromenade 46
68167 Mannheim
Tel. 0621 338560
Fax 0621 3385616
sjr-mannheim@t-online.de

Hans-Joachim Hirsch
KZ-Gedenkstätte Sandhofen
c/o Stadtarchiv Mannheim – ISG
Collinistraße 1
68161 Mannheim
Tel. 0621 293-7485
Mobil 0162 2939197
hans-joachim.hirsch@mannheim.de
www.stadtarchiv.mannheim.de

Öffnungszeiten
Die seit 1990 bestehende Dauerausstellung befindet sich in den Kellerräumen der Gustav-Wiederkehr-Schule in Mannheim-Sandhofen. Sie kann nach vorheriger Anmeldung von Schulklassen, Gruppen und Einzelpersonen besucht werden.

Der Eintritt ist frei.

Voranmeldung beim:
Stadtjugendring Mannheim e.V.
Telefon: 0621 33 85 6 - 0
Fax: 0621 33 85 6 - 16
oder

Stadtarchiv Mannheim - Institut für Stadtgeschichte
Telefon: 0621 293 - 74 85
Fax: 0621 293 - 74 76





Beschreibung

KZ-Gedenkstätte Sandhofen

Die KZ-Gedenkstätte Sandhofen erinnert an das Außenkommando des KZs Natzweiler, mit dessen Einrichtung am 27. September 1944 in einer Schule mitten im Wohngebiet begonnen wurde. Auf den gegenüberliegenden Straßenseiten befanden sich Kaufläden, eine Milchablieferungsstelle und Gasthäuser. In dem KZ waren 1.060 polnische Zwangsarbeiter eingesperrt, die infolge des Warschauer Aufstands verhaftet worden waren. Sie mussten Zwangsarbeit in einem etwa fünf Kilometer entfernten Werk von Daimler-Benz verrichten. Aufgrund der Versorgungs- und Organisationsprobleme gegen Kriegsende glich das KZ Sandhofen einem Hungerlager. Die meisten Insassen starben an Unterernährung. Seit 1990 informiert eine Ausstellung in den Kellerräumen der heutigen Gustav-Wiederkehr-Schule über Zwangsarbeit im NS-Staat, das KZ Sandhofen und die Lage im Werk von Daimler-Benz. Der „Raum der Biografien“ bietet Hörstationen, Materialien und Filme.

Hintergründe

Peter Koppenhöfer

Im Dezember 1944 fielen bei einem Luftangriff auf Mannheim Bomben auf den Stadtteil Sandhofen, zerstörten Gebäude und töteten Stalltiere. Nach der Entwarnung hörte man Schreie in den Straßen: Ausländische Zwangsarbeiter, die bei Bauern oder in Fabriken arbeiteten, wurden von einer Nazi- Schlägergruppe aus Rache verprügelt. In diesem Spätjahr 1944 hatten hier auch viele Einheimische Angst vor dem „Sandhofer Schlägerkommando“: Wer bei Alarm nicht rechtzeitig von der Straße verschwand oder wer nicht richtig verdunkelt hatte, wurde bedroht oder verprügelt. Am schlimmsten traf es Ausländer: Falls sie mit dem Fahrrad oder in der Straßenbahn erwischt wurden, wurden sie blutig geschlagen. Aber auch Einheimische waren betroffen: Weil Sandhofener Frauen in einer Gaststätte von Italienern Zigaretten angenommen hatten, wurden sie vor dem angetretenen „Volkssturm“ mit Stöcken und Peitschen verprügelt.
Das „Schlägerkommando“ bestand aus etwa einem Dutzend Männer der NSDAP Ortsgruppe und weiteren gewaltbereiten Einwohnern. Weshalb hatten sich diese Schläger gerade hier zusammengefunden? Das war offenbar ein Ergebnis eines verrohenden Lerneffekts, ein Imitationslernen, das sich das Sandhofer KZ als Modell nahm. Im Herbst und Winter 1944 war nämlich im Sandhofer Schulgebäude ein KZ mit über 1 000 Häftlingen eingerichtet worden. Es lag damit mitten im Stadtteil. Auf den gegenüberliegenden Straßenseiten befanden sich – ohne dass Sichtblenden aufgebaut worden wären – Kaufläden, eine Milchablieferungsstelle und drei Gasthäuser. Das KZ war für die Einwohner unübersehbar und wurde für viele ein Teil ihres Alltags, vor allem für das Schlägerkommando, das auch personell mit dem KZ verknüpft war: Zwei Haupttäter wohnten direkt an der Schule, einer davon war eine Art KZ-Angestellter. Ein anderer Schläger arbeitete bei Daimler-Benz und prügelte auch dort KZ-Häftlinge. Das KZ war insofern ein Verhaltensmodell – und ein Teil der Bevölkerung kooperierte freiwillig mit der SS.
Über diese extreme Verhaltensangleichung hinaus gab es eine Vielzahl anderer Kooperationen zwischen Lager und Stadtteil. SS-Leute besuchten das Stadtteilkino und saßen abends in den Kneipen, wo sie mit ihren Brutalitäten prahlten. Manche mieteten sich Zimmer in der Nachbarschaft; einige gingen Beziehungen zu Frauen aus dem Ort ein. Zur Weihnachtsfeier der Wachmannschaft waren Sandhofener Mädchen eingeladen; ein Häftling musste wegen Stromausfalls auf einem aufgebockten Fahrrad mit den Pedalen für Licht sorgen.
Der erste Lagerführer, im Zivilberuf Lehrer, hatte eine Geliebte am Ort und spielte Orgel in der evangelischen Kirche. Einen Häftling zum Blasebalgtreten brachte er mit. Bauern konnten sich krankgeschriebene Häftlinge ausleihen und lieferten ihre Abfälle, etwa Zuckerrübenblätter, für die Lagersuppe. Der Ortsbauernführer erhielt umgekehrt die Abfälle der SS-Küche für seine Schweine, darunter beispielsweise Kotelettreste, um die sich die hungernden Häftlinge geschlagen hätten. So legte sich ein Netz von Nachahmung, Unterstützung und Kooperation der Bevölkerung um das KZ. Freilich standen aber auch viele Einwohner heimlich und offen auf der Seite der Häftlinge.

Die Entstehung des KZ-Außenlagers

Den Anstoß für die Errichtung des Lagers in Sandhofen gab ein Produktionsengpass für Lastkraftwagen. Die Mannheimer Fabrik hatte begonnen, in Lizenz den „Opel-Blitz“ herzustellen. Die Brandenburger Opel-Fabrik, die das Fahrzeug vor allem produzierte, war am 8.August 1944 zerstört worden. Um die Produktion steigern zu können, beantragte die Mannheimer Werksleitung bei der SS-Zentrale KZ-Häftlinge. Um den 20. September 1944 reisten der Personalchef und der Arbeitseinsatzingenieur ins KZ Dachau, um sich dort Häftlinge auszusuchen. Hier war kurz zuvor ein Transport mit Polen angekommen, die während des Warschauer Aufstandes gefangengenommen worden waren, fast alle während der fünften Aufstandswoche. Sie waren überwiegend zivile Einwohner der Stadt, nur ein kleiner Teil von zehn bis zwanzig Prozent davon waren Untergrundsoldaten gewesen.
Der Warschauer Aufstand wird in seinen Dimensionen und mit den Massenmorden der Deutschen an den Einwohnern immer noch zu wenig wahrgenommen. Erschießungen gab es während des zweimonatigen Aufstandes immer wieder. Die Einwohner wurden Stadtteil um Stadtteil in das Übergangslager Pruszków getrieben. Dort sicherte sich die SS etwa 60000 Männer und Frauen als KZ-Nachschub. Ein Transport aus Pruszków erreichte am 12. September Dachau. Unter den 3 034 Männern hatten die Daimler-Manager die erste Wahl: 1 060 Männer kamen am 27. September in Mannheim an. Die Sandhofener Häftlinge hatten so zwar den Warschauer Aufstand überlebt, befanden sich nun aber in einem Konzentrationslager.

Organisation des Lagers

Die Häftlinge wurden in den beiden oberen Stockwerken der Volksschule in Sandhofen eingepfercht. Im Schnitt kamen so sechzig Männer in ein Klassenzimmer. Das Parterre besetzte die SS mit Wachstube, Mannschaftsräumen, Lagerführung und Magazinen. Die angrenzende Turnhalle diente als Lagerküche, der Schulhof war Appellplatz.
Die etwa sechzig SS-Leute kamen aus unterschiedlichen Einheiten, viele waren zur Waffen-SS versetzte Luftwaffensoldaten. Der erste Lagerführer Bernhard Waldmann war Wehrmachtshauptmann und wurde schon vor Weihnachten 1944 wegversetzt. Sein Nachfolger Heinrich Wicker aus Karlsruhe, ein junger, in der SS-Hierarchie aufgestiegener Untersturmführer, wurde später Leiter des „Hessentaler Todesmarsches“ und letzter Lagerkommandant des KZ Dachau.
Eine weitere Besonderheit war die einheitliche Herkunft der Häftlinge: sie waren alle aus Polen und fast nur Warschauer. Die Gefangenen kannten sich teilweise als Freunde und Nachbarn, sie errichteten zunächst eine relativ humane Selbstverwaltung. Deutschkenntnisse waren die wichtigste Qualifikation für Funktionshäftlinge. Die Offiziere der Warschauer Untergrundarmee spielten dabei keine Rolle, da sie nach den Warschauer Erfahrungen ihre Identität geheimhielten. Doch die SS holte Ende Oktober 1944 fünf doppelsprachige Häftlinge mit dem „grünen Winkel“ der Kriminellen nach Sandhofen, was genügte, um ein typisches Kaporegime aufzubauen. Dennoch blieben die Lagerverhältnisse dank vielfacher Beziehungen der Häftlinge untereinander zunächst gemäßigt. Durch die Kälte, die schwere Fabrikarbeit und vor allem durch die andauernde Unterernährung spitzte sich die Lage jedoch zu. So erhielten die Häftlinge in der Zeit der Zuckerrübenernte wochenlang nur eine Suppe aus Rübenblättern.

Die Arbeit bei Daimler-Benz

Die polnischen Häftlinge waren bei Daimler-Benz fast alle in zwei großen Hallen bei der LKW-Produktion eingesetzt, überwiegend an Montagebändern. Sie mussten 5 Kilometer zum und vom Werk zu Fuß zurücklegen. Später konnten sie zumindest teilweise einen Zug benutzen. Die Arbeitszeit betrug zwölf Stunden mit einer halbstündigen Mittagspause, zunächst gab es auch eine Nachtschicht.
Viele Überlebende berichten von Hilfeleistungen durch deutsche Arbeitskollegen, aber auch von Wachleuten und Werksangehörigen, von denen sie geschlagen wurden. Einfache Arbeiter, nun mit „majster“ angesprochen, konnten jeden Häftling zur Strafe melden, etwa wegen zu langsamen Arbeitens. Produziert wurde wegen zunehmender Luftalarme wenig. So nahm die Fabrikleitung eine Bombardierung des Lagers am 15. Dezember 1944 zum Anlass, mehr als die Hälfte der Häftlinge wegzuschaffen: 394 Verletzte, Kranke und Nachtarbeiter nach Buchenwald; ein zweiter Transport mit 200 Häftlingen ging nach Unterriexingen, dem geplanten Zielort der Fabrikverlagerung. Die übrigen Gefangenen kamen unter immer schwierigeren Bedingungen – inzwischen war der Winter eingebrochen – in Ersatzunterkünfte und wurden Anfang März 1945 ins KZ Kochendorf gebracht; die Kranken unter ihnen wurden ins KZ Vaihingen/Enz transportiert. Die Lagerleitung meldete insgesamt 23 Tote im gegenüberliegenden Gemeindebüro, darunter ein Häftling, der hingerichtet wurde. Nach Zeugenaussagen waren es jedoch einige mehr. Der Abtransport der Kranken und die soziale Kohärenz innerhalb der Häftlinge bedingten, dass das KZ im Vergleich zu ähnlich großen Außenlagern wenige unmittelbare Opfer forderte.

Die Gedenkstätte

Das KZ war in Mannheim jahrzehntelang verschwunden. Der „Eiserne Vorhang“ hinderte Überlebende daran, sich in Erinnerung zu bringen. Erst 1984 wurde nach mehrjährigen Bemühungen vor allem des Stadtjugendrings Mannheim eine Tafel eingeweiht. Dabei kam es zum Eklat, als ein Sandhofener Stadtrat – sozusagen als Sprecher des Stadtteils – ein Erinnerungszeichen ablehnte. Auf Beschluss des Mannheimer Stadtrats wurde 1990 dann im Keller der Schule eine Gedenkstätte mit Dauerausstellung eröffnet.

Dr. Peter Koppenhöfer, geboren 1945, ist Lehrer an einer Mannheimer Gesamtschule. Er ist am Aufbau der Gedenkstätte beteiligt und seit Bestehen des Trägervereins Vorstandsmitglied.


Nach oben

Weitere Informationen

Publikationen
  • Klaus Dagenbach, Peter Koppenhöfer: Eine Schule als KZ, (Hrsg.) Verein KZ-Gedenkstätte Mannheim-Sandhofen e. V, Mannheim 1999.
  • Marco Brenneisen: Das Konzentrationslager Mannheim-Sandhofen im Spiegel der Mannheimer Öffentlichkeit: Rezeptionsgeschichte eines KZ-Außenlagers. Tectum Verlag 2011.
  • Wladyslaw Kostrzenski: Meine Flucht. Wellhöfer Verlag 2010.




Zurueck


© 2013 Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg
www.lpb-bw.de