Gedenkstätten in Baden-Württemberg

 

Aufarbeitung der Geschichte des Natzweiler-Komplexes

Heute tragen französische und deutsche Historiker sowie Gedenkstättenmitarbeiter gemeinsam zur Aufarbeitung der Geschichte des Natzweiler-Komplexes bei. Ein Ergebnis dieses grenzübergreifenden Austauschs ist die gemeinsam erarbeitete Ausstellung „Freiheit – So nah, so fern“.


Die Anfänge der Aufklärung reichen in die 1990er Jahre zurück. In beiden Ländern hatte die Aufarbeitung der Geschichte des Natzweiler-Komplexes lange nach 1945 begonnen.

Außenlager wurden und werden zum Teil bis heute irrigerweise als Randerscheinungen der großen, international bekannten Konzentrations-Stammlager interpretiert. Diese Einordnung führte auch in Baden-Württemberg, wo sich vielerorts Außenlager des Konzentrationslagers Natzweiler befanden, zu Verharmlosung und Rechtfertigung, um eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Außenlager zu vermeiden.

In der Aufarbeitungsgeschichte an den einzelnen Orten kann man im Zeitraum von 1945 bis in die 1990er Jahre drei Phasen unterscheiden:

  • zunächst die unmittelbare Nachkriegszeit von 1945 bis zur Aufhebung des Besatzungsstatuts im Jahr 1955,
  • daran anschließend der Zeitraum bis Ende der 1970er Jahre und
  • zuletzt die 1980er und 1990er Jahre.

1.Phase:
Unmittelbare Nachkriegszeit von 1945 bis zur Aufhebung des Besatzungsstatuts im Jahr 1955

In der unmittelbaren Nachkriegszeit setzte sich die Mehrheit der Deutschen kaum mit den ehemaligen Außenlagern auseinander. In diesem Zeitraum verschwieg und verdrängte die Lokalbevölkerung deren frühere Existenz. Allein durch den Druck der Besatzungsbehörden wurden Erinnerungszeichen auf Friedhöfen und Massengräbern angebracht, deren Inschriften jedoch sehr allgemein gehalten wurden. Der Umgang in der amerikanischen und in der französischen Besatzungszone mit den Konzentrationslagern unterschied sich erheblich. Die Amerikaner betrauten die deutschen Behörden mit der Einrichtung von Erinnerungszeichen und Gräbern, die sich der Aufgabe jedoch zum großen Teil entzogen. Die Franzosen machten sich selbst auf die Suche nach den etwa 100.000 Franzosen und Französinnen, die in deutsche Konzentrationslager verschleppt worden waren, öffneten Massengräber, führten Exhumierungen und aufwendige Versuche durch, um die Opfer zu identifizieren. Erst nach der Gründung der Bundesrepublik war es den Franzosen möglich, in der ehemals amerikanischen Besatzungszone nach Gräbern von KZ-Häftlingen zu suchen und dort würdevolle Grabstätten anzulegen.

2. Phase:
Zeitraum bis Ende der 1970er Jahre

In den 1950er Jahren bis Ende 1970 wollte die deutsche Gesellschaft einen Schlussstrich unter ihre dunkle Vergangenheit ziehen. Zwar wurden nun auf Drängen von Überlebenden, Opferverbänden und Einzelpersonen an einigen Orten auch deutschsprachige Erinnerungstafeln und Mahnmale errichtet. Doch deren Formulierungen und Gestaltung verbargen mehr, als dass sie etwas aussagten.

3. Phase:
1980er und 1990er Jahre

Anfang der 1980er Jahre gründeten sich an zahlreichen Orten zivilgesellschaftliche Initiativen, die sich gegen das kollektive Schweigen der Eltern- und Großelterngeneration wandten und das Leid der Opfer in den Mittelpunkt stellten. Sie erforschten die Geschichte der Außenlager und setzten sich für die Einrichtung von Erinnerungszeichen und Gedenkstätten ein.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs konnten sich nun auch die ehemaligen Häftlinge aus Osteuropa in Deutschland Gehör verschaffen und auf Orte von weiteren Lagern und Arbeitsstätten Aufmerksam machen. Ziel der Gedenkstätteninitiativen war es, den Opfern ihre Würde zurückzugeben und die Erinnerung an die Verbrechen aufrecht zu erhalten.

Zahlreiche und langwierige Auseinandersetzungen mit einem Großteil der Lokalbevölkerung folgten, bis es den Initiativen gelang, Gedenkstätten an den Orten ehemaliger Lager und Arbeitsstätten, aber auch an Orten jüdischen Lebens einzurichten. Dieser Konflikt verursachte einen Wandel im Umgang mit der lokalen NS-Geschichte und trug die Themen Konzentrationslager und Zwangsarbeit in die Öffentlichkeit, verankerte sie im öffentlichen Bewusstsein und beförderte die Herausbildung lokaler Gedenkstätten und Erinnerungskulturen.


Grenzüberschreitenden Kontaktaufnahmen

Bereits Ende der 1990er Jahre kam es zu ersten grenzüberschreitenden Kontaktaufnahmen.

Im Laufe der nächsten Jahre intensivierten die LAGG (Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen) und der Fachbereich Gedenkstättenarbeit der LpB die Begegnungen mit Frankreich und beförderten den aktiven Austausch der unterschiedlichen Perspektiven auf die dunkle Vergangenheit.

Im Jahr 2005 wurde das CERD (Centre européen du résistant déporté) am Ort des ehemaligen Stammlagers Natzweiler-Struthof im Elsass eröffnet.

2009 wurde die erste Auflage der Handreichung „Das KZ Natzweiler und seine Außenlager“, die für Lehrerinnen und Lehrer als Anleitung für einen Besuch mit Schulklassen im Stammlager Natzweiler bestimmt ist, veröffentlicht. Dazu wurden und werden Lehrerfortbildungen veranstaltet.

Im Jahr 2011 erschien das Grundlagenwerk von Professor Steegmann über das KZ Natzweiler und seine Außenkommandos an Rhein und Neckar.

Ein weiteres großes gemeinsames Projekt begann im Jahr 2014. Französische und baden-württembergische Gedenkstättenmitarbeiter erstellten in enger Zusammenarbeit die Ausstellung „Freiheit – so nah, so fern. Zum doppelten Ende des Konzentrationslagers Natzweiler“, die bereits an mehr als 40 Standorten gezeigt wurde.

Am 27. Januar 2015 – am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus – wurde die Ausstellung im Landtag von Baden-Württemberg gezeigt.

70 Jahre nach Kriegsende fand hier ein Moment der gelebten europäischen Erinnerungskultur statt.

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Rückblick: Das KZ Natzweiler und seine Außenlager – Fortbildung

 

Das KZ Natzweiler und seine Außenlager – Fortbildung zum Leitfaden für den Besuch von Gedenkstätten in Frankreich und Baden-Württemberg
Rückblick

 
 
 
 
 

Kontakt Ausstellung Natzweiler

 

Abt. Demokratisches Engagement
Irene Rüber
Lautenschlagerstr. 20
70173 Stuttgart
Tel.: 0711/16 40 99 28
Fax: 0711/16 40 99 763
irene.rueber@remove-this.lpb.bwl.de

 
 
 
 
 

Ausstellung KZ Natzweiler "Freiheit - so nah, so fern"

 

Wanderausstellung kann ausgeliehen werden.
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