Gedenkstätten in Baden-Württemberg

 

Grafeneck: eine barrierefreie Gedenkstätte

Dokumentationszentrum – Gedenkstätte Grafeneck Foto: Gedenkstätte Grafeneck

Modellprojekt im Zeichen von Teilhabe und Inklusion

Die Gedenkstätte Grafeneck auf der Schwäbischen Alb erinnert an die 10.654 Männer, Frauen und Kinder, die dort im Jahr 1940 im Rahmen der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen ermordet wurden.

Sie stammten aus 48 Behinderteneinrichtungen und psychiatrischen Kliniken im heutigen Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Grafeneck ist eine sogenannte "barrierefreie Gedenkstätte", die auch Angebote für Menschen mit geistigen Behinderungen oder Lernbehinderungen bereithält: 

  • Seminare: auf Anfrage bietet die Gedenkstätte Grafeneck Seminare an, die auf Menschen mit Behinderungen abgestimmt sind. Diese dauern drei Stunden und sind grundsätzlich kostenfrei. Auf Wunsch bietet die Gedenkstätte auch Unterstützung bei der Vor- und Nachbereitung des Seminars. 
  • Materialien in leichter Sprache: in der Gedenkstätte Grafeneck kann man eine Broschüre, einen Orientierungsplan und einen Ausstellungsband zum Dokumentationszentrum in leichter Sprache erwerben.
  • Audio-Guide: für die Dauerausstellung im Dokumentationszentrum gibt es eine Hörversion in leichter Sprache.

 

Bei der Gedenkstätte Grafeneck erhält man weitere Informationen und kann Gruppen anmelden: 

Homepage der Gedenkstätte Grafeneck


Dauerausstellung im Dokumentationszentrum Foto: Gedenkstätte Grafeneck

2008 erhielt die Gedenkstätte Grafeneck erstmals Anfragen nach Gruppenführungen, an denen auch Menschen mit geistiger Behinderung teilnehmen wollten. Für die Gedenkstätte bedeutete dies eine besondere Herausforderung, da schnell deutlich wurde, dass die bisherigen Vermittlungskonzepte für solche Gruppen wenig geeignet waren.

Erste Erfahrungen in dieser gezielten Vermittlungsarbeit hatte man zu dem Zeitpunkt an der Gedenkstätte Hadamar in Hessen gesammelt. Dort arbeitete man damals gemeinsam mit „Mensch zuerst“ – Netzwerk People First Deutschland e.V. an einem Vermittlungskonzept für Menschen mit geistiger Behinderung.

Die Angebote zur "barrierefreien Gedenkstätte" wurden von 2014 bis 2016 im Rahmen eines Modellprojekts erarbeitet. Neben der Historikerin Franka Rößner und dem Sonderpädagogen Sebastian Priwitzer waren daran auch Menschen mit Behinderungen beteiligt, u.a. vom "Arbeitskreis Selbstbestimmung" der Lebenshilfe Reutlingen. 

Ein wesentlicher Punkt der Barrierefreiheit ist die Reduzierung der Komplexität der Sprache. Leichte Sprache verzichtet, soweit möglich, auf Fremdwörter, Anglizismen und Abkürzungen. Die Texte müssen außerdem von späteren Nutzerinnen und Nutzern gegengelesen und für gut befunden werden.


Besuchergruppe vor Schloss Grafeneck  Foto: Gedenkstätte Grafeneck

Gerade bei Führungen für Menschen mit geistiger Behinderung müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gedenkstätte flexibel auf die Bedürfnisse eingehen. „Man muss die Gruppen auf ihrem individuellen Wissensstand abholen“, so Sebastian Priwitzer. Der offene Umgang mit Emotionen ist ebenso ein wichtiger Bestandteil. In den Führungen schaffen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedene Anlässe, um mit der Gruppe ins Gespräch zu kommen. Die Reaktionen und Fragen der Besucherinnen und Besucher leiten so durch die Führung.

Durch ihre Initiative erweitert die Gedenkstätte Grafeneck nicht nur ihr eigenes Angebot. Sie setzt damit auch ein Zeichen für die Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Behinderungen und Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten im Bereich der deutschen Schriftsprache.

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