Gedenkstätten in Baden-Württemberg

 

Projekt zur Erinnerungsarbeit in der Migrationsgesellschaft: Ausstellung "Unsere Vielfalt verstehen"

Welt-Karte: die Herkunft der Eltern der Schülerinnen und Schüler der Lessing-Schule in Freiburg (PDF-Ansicht bei Klick auf die Karte)

„Unsere Vielfalt verstehen“

Das Projekt zur Erinnerungsarbeit in der Migrationsgesellschaft wurde von der Geschichtswerkstatt „Zwangsschule für jüdische Kinder in Freiburg, 1936 bis 1940“ unter der Leitung von Rosita Dienst-Demuth an der Lessing-Realschule in Freiburg durchgeführt. Die aus diesem Projekt entstandene Ausstellung „Unsere Vielfalt verstehen“, stellt die Geschichten verschiedener Einwanderungsfamilien der Schülerinnen und Schüler dar.

Rosita Dienst-Demuth ist Lehrerin an der Lessing-Realschule in Freiburg und Leiterin der Geschichtswerkstatt „Zwangsschule für jüdische Kinder in Freiburg 1936-1940“.

Im Jahr 2012 hat sie das Projekt „Alte Wurzeln – neue Heimat“ mit einer Befragung der Schülerinnen und Schüler zur Herkunft ihrer Eltern gestartet.
Auf der Eineweltkarte vor dem Lehrerzimmer der Lessing-Realschule in Freiburg sind 53 verschiedene Länder farbig markiert. „Insgesamt wurden 382 Schülerinnen und Schüler befragt, aus welchen Ländern ihre Eltern kommen.“, erklärte Rosita Dienst-Demuth. Die höchsten Schätzungen im Kollegium bezüglich der Anzahl der verschiedenen Länder lagen bei 20 Ländern.

Eine solche Vielfalt an Herkunftsländern war eine positive Überraschung.
Bald sollte das Projekt durch Befragungen einzelner Familien zu ihrer Einwanderungsgeschichte vertieft werden. Die Schülerinnen und Schüler erzählen im Gespräch davon, wie begeistert ihre Eltern gleich von der Idee waren. Sie scheinen stolz zu sein, dass ihre Eltern sich bereit erklärten.

Einige der jüngeren Schülerinnen und Schüler berichten, durch dieses Projekt auch so manches über ihre Familien erfahren zu haben, was ihnen neu ist. So erzählt ein Mädchen von den Problemen ihrer Familie aufgrund des türkisch-kurdischen Konflikts: „Mein Onkel wurde mit einem Gewehrkolben zusammengeschlagen. Das habe ich gar nicht gewusst. Er war damals erst 17 Jahre alt und Hirte. Mit dem Konflikt hatte er gar nichts zu tun.“

Und auch die Geschichten der Mitschülerinnen und Mitschüler sorgen für Überraschungen. Ein Junge sagt, wie schlimm er es findet dass das Haus der Mutter eines Mitschülers im Libanon bombardiert wurde und die Familie ihr ganzes Hab und Gut verloren hat.

Viele Schülerinnen und Schüler nennen auch die Tatsache, dass in einigen Herkunftsländern ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler zu Zeiten ihrer Eltern, oder auch heute noch, Krieg herrscht, als etwas, was sie sehr schockiert.
Die Familiengeschichte eines Mädchens aus Horb beeindruckt die anderen besonders. Sie beschreibt, wie ihre Urgroßmutter mit ihren Kindern im Schwarzwald lebte und wie hart das Leben für die Familie wurde, nachdem der Familienvater verstorben war. „Ich hätte das nicht gedacht, dass Paulines Großmutter so gelebt hat. Mit sechs Geschwistern musste sie sich ein Zimmer teilen!“ Für die heutige Generation ist es natürlich schwer vorstellbar, wie anders das Leben vor nur wenigen Jahrzehnten noch war.

Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit vorzubeugen ist das Ziel eines solchen Projekts. Durch die Auseinandersetzung mit anderen Länder, Kulturen, Religionen und Lebensgeschichten wird es ermöglicht, die Menschen wirklich kennenzulernen, anstatt vorschnell ein Urteil zu fällen.

Auf die Frage, ob sie diese Ausstellung denn für wichtig halten, reagieren die Schülerinnen und Schüler zunächst zögerlich. „Viele interessiert das ja, die können dann die Geschichten lesen. Aber unbedingt wichtig?“

Als dann aber die Frage aufkommt, was man gegen die Vorurteile in unserer Gesellschaft unternehmen könnte, schlagen sie vor, dass die Menschen mehr miteinander reden sollten. Ein Junge erzählt von seinem Großvater, einem Russlanddeutschen, der in Sibirien als Nazi beschimpft wurde. Die Schülerinnen und Schüler sind sich einig: Hätten die Leute stattdessen mit ihm geredet und ihn richtig kennengelernt, wäre so etwas nicht passiert.

Die Schülerinnen und Schüler erkennen nun selbst recht schnell, dass genau dieses Kennenlernen und Zuhören das Ziel der Ausstellung ist. Es handelt sich bei diesem Projekt nicht nur um die Erstellung einer dekorativen Ausstellung, sondern um einen interkulturellen Austausch, um ein Kennenlernen unserer Mitmenschen, um Respekt und um Anerkennung.

Dass Ausdrücke wie „Du Jude“ als Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen mittlerweile weit verbreitet sind, macht deutlich, wie stark ausgeprägt Unwissen und Gleichgültigkeit in unserer Gesellschaft doch sind. Rosita Dienst-Demuth und die anderen Lehrer an der Lessing-Realschule sowie zahlreiche Familien der Schülerinnen und Schüler haben ihren Nutzen aus der vorhanden Vielfalt gezogen, sie als Bereicherung anerkannt und mit „Unsere Vielfalt verstehen“ einen Schritt in die entgegengesetzte Richtung von Unwissens und Gleichgültigkeit gemacht. Ein mutiger und bedeutender Schritt, dem hoffentlich noch viele weitere folgen werden.

Die Ausstellung "Unsere Vielfalt verstehen"

Die Ausstellungstafel "Titel- und Einleitungstext", sowie einige der Tafeln der Ausstellung sind als PDF-Dateien zur Ansicht können Sie sich hier ansehen:

Titel und Einleitung:

Download der Tafel als PDF (214 KB)


Einige ausgewählte Tafel aus der Ausstellung:


Benedicta: ... meine Mutter kommt aus Ghana (PDF 628 KB)

 


Ali und Siham: ... unserer Eltern kommen aus Libanon (313 KB)

 


Emelie und Stefanie: .... unsere Mutter kommt aus der ehem. DDR (828 KB)

 


Jewgeny: ... meine Familie kommt aus der ehem. Sowjetunion (539 KB)

 


Rawin und Awin: ... unsere Eltern kommen aus Kurdistian (900 KB)