Gedenkstätten in Baden-Württemberg

 

Wie gestalte ich eine Führung für Jugendliche?

Fortbildung für Gedenkstättenmitarbeitende in Kooperation mit der LAGG

Zeichnung: Katja Reichert
Zeichnung: Katja Reichert

Samstag, 18. März 2017 in der KZ-Gedenkstätte Vaihingen/Enz

Was ist bei Führungen für Jugendliche anders als bei Führungen für Erwachsene? Wie können Gedenkstätten ansprechende Führungen für Jugendliche gestalten? Welche Inhalte können die Gedenkstätten speziell Jugendlichen vermitteln?

Dieses Fortbildungsseminar gab Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an Gedenkstätten konkrete Anregungen, wie sie Führungen für Jugendliche vor Ort gestalten können: Eine Beispielführung zeigte, welche Inhalte und Vermittlungsformen für Jugendliche interessant oder aber wenig zielführend sein könnten.

Das World Café lud dazu ein, gemeinsam über wichtige Fragen rund um die Gestaltung von Führungen nachzudenken. Ein Impulsvortrag gab darüber hinaus Einblicke, wie Führungen ganz ohne frontal Führenden auskommen kann.

Der Arbeitskreis Jugendarbeit der LAGG hat sich 2015 etabliert, um die Gedenkstätten auf dem wichtigen Feld der Jugend- und Vermittlungsarbeit zu unterstützen. Gemeinsam mit der LpB wurde 2017 ein Leitfaden für Jugendarbeit an Gedenkstätten herausgegeben. Dieses Fortbildungsseminar war ein Modul zu methodischen und thematischen Schwerpunkten in der Gedenkstättenpädagogik.

Programm der Fortbildung (PDF)

Bestellung und Download des Leitfadens (Online-Shop der LpB)


Rückblick auf die Fortbildung:

Wie gestalte ich eine Führung für Jugendliche?

Kein anderes pädagogisches Angebot an Gedenkstätten wird so häufig gebucht wie Führungen. Im Vergleich zu anderen Angeboten, wie etwa zu Seminaren oder Workshops, nehmen Führungen weniger Zeit in Anspruch und sind vermeintlich ressourcenschonender was die Arbeitszeit und Anzahl der Vermittler*innen betrifft. Führungen sollen den Teilnehmer*innen einen Ort, seine Geschichte und die darin agierenden Personen näherbringen (1).  Dennoch wird das Thema „Führungen“ vielerorts didaktisch vernachlässigt, da allzu oft eine reine Wissensübertragung von Expert*innen auf „Unwissende“ im Fokus steht.

Ein Format im Wandel

Allein diese Rollenzuweisung eines „allwissenden“ Vermittlers und eines „unbedarften“ Publikums lässt eine der Kernproblematiken von „klassischen Wissensübertragungsführungen“ offenkundig zutage treten: Die Verlegenheit der Zuhörer*innen in der Ansprach ihres … ähm … „Führers“ zeigt gerade für Gedenkorte zu den NS-Verbrechen, welche Schwierigkeiten eine derartige Vermittlungsform von „Führen“ und „Folgen“ mit sich bringen kann. Dabei wird oft verkannt, dass gerade Führungen zu den vielleicht vielfältigsten Vermittlungsmethoden zählen könnten.

Nach Thelma von Freymann sind bei einer Führung viele Sinne gleichberechtigt gefordert – besteht eine Führung so etwa aus Seh- und Hör- sowie Geh- und Steh-Erlebnissen (2).  Darüber hinaus entwickeln viele Vermittlungsorte zunehmend mehr dialogisch ausgerichtete Formate und besucherzentrierte Moderationsformen, die oben genannte Erlebnisse um eine partizipative Komponente ergänzen sollen (3. Artikel Inga Specht).  In diesem Sinne plädieren einige Untersuchungen dafür, für die Vermittlung von Inhalten allgemein mehrere Herangehensweisen für ein umfassendes Lernen gleichzeitig heranzuziehen und diese miteinander zu kombinieren (4).  Eine zunehmende Zahl von Praktiker*innen an Gedenkstätten sehen die Vermittler*innen dahingehend eher als Lernbegleiter, die den Teilnehmer*innen helfen sollen, sich der Ausstellungsinhalte selbst zu ermächtigen (5. Vergl. Artikel online). 

Nach oben

Was mache ich hier? – Was macht ihr hier? – Was machst du hier?

Essenziell für einen Besuch von Gruppen und insbesondere von Schulklassen an einem Ge-denkort sind bereits Planung und Absprache mit der Betreuerin oder dem Betreuer im Vorfeld. Nicht selten ist im Nachhinein eine gewisse Enttäuschung über Inhalte oder gar über eine erhoffte Wirkung der Führung bei den Verantwortlichen zu verzeichnen. Hier helfen konkrete Absprachen dabei zu klären, was die Gruppenbetreuerin oder der Gruppenbetreuer sich vom Besuch erwartet und worauf die Gruppe vorbereitet ist, also welches Wissen bereits vermittelt wurde und ob die Gruppe schon einen ähnlichen Ort erlebt hat.

Auch die Zeit, die eine Gruppe für einen Besuch mitbringt ist von großer Bedeutung. Dabei sollte eine Führung generell die 90-Minuten-Marke nicht unterschreiten. Nur so ist ausreichend Zeit, für jede*n Einzeln*e einen individuellen Lernprozess für sich selbst initiieren zu können. Zahava Doering und Andrew Pekarik bemerken in diesem Zusammenhang zu Recht, dass die Besucher*innen einer Ausstellung „kein weißes Blatt“ seien, das Vermittler*innen ohne weiteres beschreiben könnten, da jede*r Einzelne bereits ein „gewisses Interesse … und Vorwissen und eine eigene Meinungen“ in eine Ausstellung mitbrächte (6).  Demgemäß ist die Behaltensleistung bei Besucher*innen dann am größten, wenn eine Führung deren jeweilige „entrance narratives“ aufzugreifen vermag. Das bedeutet, dass Vermittler*innen bereits eingangs mit den Besucher*innen ins Gespräch kommen sollten, um zu eruieren, welche Erwartungen an die Inhalte, welches Vorwissen und welche Einstellungen zum Thema bereits vorhanden sind.

Konkret kann dies etwa anhand einer „Positionierung“ (7. Methodenbescheibung) erfolgen: Die Besucher*innen sollen sich dabei um einen zentralen Punkt herum zu verschiedenen Aussagen positionieren. So wird der jeweilige Standpunkt auch den anderen Teilnehmer*innen visuell verdeutlicht: Während in einer reinen Redner-Zuhörer-Beziehung nur Wissen und Meinung der Vortragenden eine Relevanz besitzen, können auf diese Weise gleich anfangs alle Akteure ihre Positionen austauschen und sie miteinander in Beziehung setzen. Die Besucher*innen werden sich ihrer eigenen wie auch der Position anderer bewusst. Gleichzeitig vermittelt eine solche Gruppenübung den Vermittler*innen einen ersten Eindruck, welche Inhalte von besonderem Interesse sind und welche Einstellungen das größte Potenzial für fruchtbare Diskussionen bergen könnten.

Darüber hinaus ist für die Teilnehmer*innen nicht nur die Frage nach der eigenen Motivation und derjenigen der anderen Gruppenmitglieder relevant (selbst wenn Jugendliche meist ihm Rahmen einer schulischen Veranstaltung einen Gedenkort besuchen, haben viele von ihnen dennoch ein tieferes Interesse daran, den Ort kennenzulernen, als es der Rahmen einer schulischen Pflichtveranstaltung vermuten lässt). Auch die Frage nach der Motivation der Vermittlerin oder des Vermittlers kann für die Teilnehmenden gewinnbringende Denk- und Diskussionsanstöße liefern. Eventuell hat der oder die Vermittelnde einen persönlichen Bezug zur Geschichte, über den er oder sie berichten kann, oder es gibt andere persönliche Gründe, die ihn oder sie zur Mitarbeit an einem Gedenkort bewegt haben. Indem sie selbst über ihre Motivationen berichten und nicht nur die anderen nach der ihren „ausfragen“, schaffen Vermittler*innen eine persönliche Ebene, auf der sich alle Akteure gleichwertig austauschen können.

Nach oben

Mitbringen – mitnehmen

Wenn wir davon ausgehen, dass jede Besucherin und jeder Besucher ihre und seine eigenen Erfahrungen und Erwartungen an einen Gedenkort mitbringt, so wird auch das, was jede*r Einzelne mit nach Hause nimmt davon abhängig sein, wie dieses Mitgebrachte während des Besuchs verarbeitet und eingeordnet werden kann. Nachfolgend stellt Andreas Pflock vom Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg die Konzeption vor, die er mit seinen Kolleginnen erarbeitet hat:

Führung ohne „Führer“?

Impulsreferat von Andreas Pflock M.A., Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg Vaihingen 18.3.2017

  • „Vielen Dank an unseren…ähm… Führer…ähm… für die Vermittlung der Eindrücke in der Ausstellung.“
  • Diese Aussage lässt die sprachliche Problematik ebenso sichtbar werden wie methodische Problematik in der Vermittlungsarbeit durch Form einer „klassischen Führung“.

  • Sprachliche Problematik ist historisch bedingt und lässt sich durch Vokabeln wie „Ausstel-lungsbegleitung“, „Guide“ etc. umschiffen, nicht jedoch auflösen.

  • Methodische Problematik wird durch die Begegnung zwischen einer wissenden „Autorität“ und einem unwissenden Publikum konstruiert (Rollenverteilung und Rollenwahrnehmung) und ist auslösendes Element für die sprachliche Problematik.

  • Einbindung und Nutzung schulischer Kompetenzen in die Vermittlungsarbeit an außerschulischen Lernorten kann hilfreich sein, sich zunehmend von frontalen Vermittlungsmethoden abzuwenden und entdeckendes Lernen in Gedenkstätten stärker als bisher auch in die „Basisangebote“ einzubinden.

  • Ein Wissenserwerb von Jugendlichen ist kein mechanischer Abbildungsprozess, sondern individueller Aufbauprozess (Konstruktivismus). Lernende Menschen sind zielgerichtet handelnde Personen, die aktiv nach Informationen suchen, diese vor dem Hintergrund ihres Vorwissens interpretieren und daraus neue Auffassungen und Konzepte von der Wirklichkeit ableiteten.
     
  • Eine sprachliche und methodische Problematik werden dadurch aufgehoben.

  • Jugendliche erhalten am Lernort die Möglichkeit, sich individuell und in Kleingruppen räumlich, thematisch und emotional zu verorten. Sie werden nicht im Kollektiv durch die Räumlichkeiten und zu vorbestimmten Exponaten oder Emotionen gelenkt.

  • Eine konstruktivistische Lernsituation ermöglicht u.a. eigene Entdeckung der Ausstellung und deren Exponate, Positionierung zum Lernthema und Setzen eigener Akzente.

  • Die individuelle Reflexion schafft Voraussetzung um Eindrücke, Informationen und Sachverhalte miteinander in Verbindung zu setzen, zu hinterfragen, zu bewerten und zu interpretieren.

  • Pädagogische Mitarbeiter*innen schaffen herausfordernde Lernumgebung und übernehmen unterstützende und moderierende Rolle.

  • Ein gegenseitiges aufeinander Einlassen zwischen Jugendlichen und pädagogischen Mitarbeiter*innen bietet die Chance, autonome Meinungsbildung und Orientierungskompetenz junger Menschen zu fördern.

Nach oben

Klassische Führung oder Entdeckendes Lernen - Ein Vergleich

Klassische Führung Entdeckendes Lernen
Zeitvolumen 1,5 bis 2 Stunden 1,5 bis 2 Stunden
Personeller Aufwand 1 Person Bestenfalls 2 Personen
Materieller Aufwand Ausstellung oder historischer Ort sind vorhanden Arbeitsmaterialien müssen konzipiert werden
Ziel Wissenstransfer an Gruppe Wissensaneignung in Gruppe und individuell
Rolle der Pädagogin/ des Pädagogen aktiv, führend, dozierend Autorität, alleinige Wissens-vermittlung gegenüber der Gruppe aktiv, anleitend, beratend Moderation und Partnerschaft beim Prozess der individuellen und gruppenbezogenen Wissensaneignung
Rolle der Jugendlichen passiv keine Mitverantwortung für Ablauf und den Wissenstransfer aktiv starke Mitverantwortung für Ablauf und die gemeinsame Wissensaneignung
Inhaltlicher Rahmen Stationen der Führung sind festgelegt Themenaspekte für Gruppenarbeit sind festgelegt
Gesamtkontextontext wird durch Abfolge der Führungsstationen hergestellt wird durch Rundgang mit Ergebnispräsentation hergestellt
Verortung am Ort und in der Ausstellung vorgegeben von Jugendlichen mitbestimmt
Verortung im Thema vorgegeben von Jugendlichen mitbestimmt
Verortung von Empathie und Emotionen gelenkt von Jugendlichen bestimm
Akzentuierung von inhaltlichen Aspekten vorgegeben von Jugendlichen bestimm
Form der Wissensvermittlung stark monologisch Wissen (historische Ereignisse und Zusammenhänge) wird auf Gruppe transferiert stark dialogisch Wissen wird selbst angeeignet, historische Ereignisse und Zusammenhänge werden konstruiert
Fragestellungen Fragen werden vom Pädagogen/der Pädagogin gestellt und formuliert, eigene Fragen können nur beim Zuhören entstehen Fragen werden von den Jugendlichen bei der Auseinandersetzung mit Inhalten eigenständig entwickelt, sie werden bereits in der Arbeitsphase diskutiert und später in der Gruppe thematisiert
Anwendung von schulischen Kompetenzen wie Gruppenarbeit, Interpretation, Präsentation werden nicht genutzt sind Basis für den gesamten Ablauf
Sprachkultur Sprachkompetenz wird nicht oder nur äußerst gering berücksichtigt bzw. gefordert Inhalte werden in der eigenen Sprache der Jugendlichen zum Ausdruck gebracht, Problematiken des NS-Vokabulars werden dadurch spürbar
Ergebnissicherung Abschlussrunde, evtl. externe Nachbereitung Gemeinsame Präsentations- und Diskussionsphase, Abschlussrunde, evtl. externe Nachbereitung

Nach oben

 

Guide: Gedenkstätten in Baden-Württemberg

 

Nachschlagewerk zu den Gedenkstätten in Baden-Württemberg, 5. aktualisierte und erweiterte Auflage 2012.
Online-Bestellung
Download (PDF 2,2 MB)

 
 
 
 
 

Filmprojekt: "Mehr als alte Steine - Wie Geschichte erlebbar gemacht wird"

 

In Zusammenarbeit mit der LpB erstellten Studierende der Hochschule der Medien, Stuttgart (HdM) im Rahmen der Lehrveranstaltung „Videoproduktion“ einen Film über die Gedenkstättenarbeit in Baden-Württemberg.
Film u. Infos