Gedenkstätten in Baden-Württemberg

 

Gedenktage der Sinti und Roma

Gäste stehen am Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in Berlin.
Knapp 70 Jahre nach Kriegsende wurde im Oktober 2012 in Berlin das Denkmal für die 500.000 von den Nazis
ermordeten Sinti und Roma eingeweiht. Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Jahrzehnte hat es gedauert, bis der Völkermord an den Sinti und Roma in das öffentliche Bewusstsein einbezogen worden ist. In der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland fand lange Zeit weder eine politische noch eine juristische Aufarbeitung des Völkermords an den Sinti und Roma statt.

1982 erfolgte schließlich die offizielle politische Anerkennung des Verbrechens der Nationalsozialisten an der Minderheit durch Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Heute erinnert eine Reihe von Gedenktagen an die Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma.
Einen Überblick finden Sie hier:

Chronologische Übersicht

Der „Auschwitz-Erlass“

Der Reichsführer SS und der Chef der deutschen Polizei Heinrich Himmler ordnete am 16. Dezember 1942 an, alle Sinti und Roma aus dem Reichsgebiet nach Auschwitz zu deportieren, um sie als Minderheit im Rahmen der „Endlösung“ vollständig zu vernichten.

Wenige Zeit später erhielten auch die besetzten Gebiete entsprechende Befehle. Der „Auschwitz-Erlass“ selbst ist nicht erhalten. Doch der Schnellbrief des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) vom 29. Januar 1943 nimmt darauf direkten Bezug:

„Auf Befehl des Reichsführers SS […] sind Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft […] in einer Aktion von wenigen Wochen in ein Konzentrationslager einzuweisen […] Die Einweisung erfolgt ohne Rücksicht auf Mischlingsgrad familienweise in das Konzentrationslager […] Auschwitz.“

Aus elf Ländern des besetzten Europas wurden in direkter Folge des Auschwitz-Erlasses nahezu 23.000 Sinti und Roma in den als „Zigeunerlager“ bezeichneten Abschnitt des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau verschleppt.

Während des Holocausts kamen eine halbe Million Sinti und Roma in den Vernichtungslagern Auschwitz, Belzec, Neuengamme und Dachau ums Leben. Ihre Namen sind bis heute zum großen Teil unbekannt.

Auschwitz-Deportationstage / Tage gegen Rassismus

Ab Februar 1943 erhielten die einzelnen Orte den Befehl, alle Sinti und Roma den Transportzügen nach Auschwitz zu übergeben. Fast 23.000 Sinti und Roma wurden im März 1943 ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Sie wurden aus elf Ländern des besetzten Europas verschleppt, die meisten unter ihnen stammten aber aus dem Reichsgebiet. Bereits im Mai 1940 hatte die Deportation von Roma-Familien in die Ghettos, Arbeits- und Konzentrationslager in den besetzten Gebieten begonnen. Folglich war ein Großteil aller Sinti und Roma bereits inhaftiert oder bei Massenerschießungen ums Leben gekommen.

Als im März 1943 die Deportationen im Zuge des „Auschwitz-Erlasses“ begannen, wurden die Betroffenen in aller Frühe in ihren Wohnungen verhaftet oder von ihren Arbeitsplätzen abgeholt. Persönliche Gegenstände durften sie kaum mitnehmen. Die Ausweispapiere nahm man ihnen ab. Ihr Grundbesitz und Vermögen wurde zu Gunsten des Reiches eingezogen.
Unter menschenunwürdigen Bedingungen begann die mehrtägige Fahrt nach Auschwitz, bei der  viele ihr Leben ließen.

Obwohl die anstehenden Deportationen aller Sinti und Roma strengstens geheim gehalten wurden, gelang einigen wenigen die Flucht. Die meisten von ihnen wurden jedoch bereits nach kurzer Zeit entdeckt und nach Auschwitz verschleppt.

Die in Auschwitz-Birkenau angekommenen Sinti und Roma wurden zunächst in „arbeitsfähig“ und „nichtarbeitsfähig“ selektiert. Letztere wurden umgehend in den Gaskammern ermordet. Die „arbeitsfähigen“ Häftlinge wurden im „Zigeunerlager“ B II e untergebracht, nachdem Erwachsene, wie Kinder ein „Z“ eintätowiert bekommen hatten.

Widerstand im Lager Birkenau

Am 16. Mai 1944 lautete der Befehl der SS, das „Zigeunerlager“ B II e in Auschwitz-Birkenau zu „liquidieren“ und alle noch 6.000 lebenden Sinti und Roma in den Gaskammern zu ersticken.

Doch das Vorhaben der SS scheiterte, denn die Sinti und Roma, unter denen sich viele ehemalige Soldaten befanden, die im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite gekämpft hatten, ergaben sich nicht widerstandslos ihrem Schicksal. Sie verbarrikadierten sich in ihren Baracken, bewaffneten sich mit Werkzeugen und Steinen und konnten sich so – zumindest vorerst – erfolgreich gegen die drohende Vernichtung wehren. 

Liquidierung des "Zigeunerlagers"

Nachdem am 16. Mai 1944 die drohende "Liquidierung" des "Zigeunerlagers" durch den mutigen Einsatz der dort untergebrachten Sinti und Roma gerade noch einmal verhindert werden konnte, wurden die rund 4.000 noch lebenden Häftlingen erneut in "arbeitsfähig" und "nichtarbeitsfähig" selektiert.

Die "arbeitsfähigen" Häftlinge wurden daraufhin in den folgenden Wochen und Monaten als Zwangsarbeiter für die Rüstungsindustrie in andere Lager verlegt.

Die in Auschwitz-Birkenau 2.897 zurückgebliebenen Personen, unter ihnen befanden sich vor allem ältere Menschen, Frauen und Kinder, konnten – trotz Widerstand bis zuletzt – der Auflösung des Lagers in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 nicht mehr entgehen. Sie wurden alle in den Gaskammern ermordet.

Welt-Roma-Tag, erster Roma Weltkongress

Der 8. April wird seit 1971 in vielen Ländern als Welt-Roma-Tag begangen. Er soll auf die Situation der Sinti und Roma in der Vergangenheit und in der heutigen Zeit aufmerksam machen, auf deren Verfolgung und Diskriminierung im Nationalsozialismus bis in die Gegenwart hinein. Gleichzeitig wird an diesem Tag die Kultur der Sinti und Roma zelebriert.

Am 8. April 1971 wurde der Welt-Roma-Kongress gegründet. Zum ersten Mal in der Geschichte trafen sich 23 Vertreter der Minderheit aus 14 europäischen Ländern in Orpington bei London, um sich für soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung der Minderheit einzusetzen. Bei diesem ersten internationalen Zusammentreffen einigte man sich auf die Selbstbezeichnung „Roma“.

Das Festlegen auf eine eigene Flagge und auf eine gemeinsame Hymne der Roma war Ausdruck ihres neuen Selbstbewusstseins und beides waren Symbole der Roma-Bürgerrechtsbewegung.

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Dokumentation

 
Foto aus der Dokumentation und Titel

75 Jahre Gedenken an die Deportationen von Sinti und Roma aus Baden-Württemberg. Eine Dokumentation der Gedenkveranstaltung vom März 2018 im Neuen Schloss Stuttgart.
Dokumentation (PDF, 2,3 MB)

 
 
 
 

Videos: Thema Antiziganismus

Alle Videos der LpB BW zum Thema Antiziganismus finden Sie hier: zur Playlist.