#Geschichtenebenan

vom 10. bis 11. November 2021 in Tübingen

Am 10. und 11. November haben Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen nach Spuren nationalsozialistier Verbrechen in ihrem Heimatort gesucht. Die Ergebnisse haben sie auf dem Instagram-Kanal „Geschichte nebenan“ dokumentiert.


Ein längliches Haus mit rotem Ziegeldach und gelblicher Fassade spiegelt sich im Wasser des Neckars. Kaum etwas an dieser friedlich anmutenden Szenerie lässt auf die Historie des abgebildeten Gebäudes schließen. Im Jahr 1934 war die heutige Tübinger Jugendherberge als Hauptsitz für die Tübinger Hitlerjugend erbaut worden. Wo sich heute junge Menschen aus der ganzen Welt begegnen, wurden Jugendliche vor rund 85 Jahren bei „Heimabenden“ mit der menschenverachtenden, diskriminierenden Weltanschauung der nationalsozialistischen Machthaber indoktriniert.
Die Jugendherberge in Tübingen ist nur ein Beispiel für die vielen vermeintlich unscheinbaren Orte, denen wir überall in unserem Alltag begegnen, ohne uns ihrer historischen Vielschichtigkeit gewahr zu werden. Nur wer genau hinschaut, erkennt auf den zweiten Blick, dass sie von Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung zur Zeit des Nationalsozialismus berichten.

Im Rahmen des Projektes „Geschichte nebenan“, das die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (LpB) in Zusammenarbeit mit dem Museum der Alltagskultur – Schloss Waldenbuch und den Fotografen Kai Loges und Andreas Langen („die arge lola“) initiiert hat, begaben sich 23 Schüler:innen der 10. Klasse der Geschwister Scholl Schule Tübingen auf Spurensuche: Am 10. und 11. November 2021 gingen sie der Frage nach, welche offensichtlichen und verborgenen Zeugnisse der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft sie in ihrer Nachbarschaft entdecken können.

Zum Hintergrund:
Ausgangspunkt des Projekts war die Ausstellung „Nebenan“, die die LpB als Wanderausstellung anbietet und die nun in einer neuen Version im Museum der Alltagskultur – Schloss Waldenbuch zu sehen ist. Die Fotografen Andreas Langen und Kai Loges haben über mehrere Jahre den Alltag der Menschen in O?wi?cim und Brzezinka dokumentiert, die heute im unmittelbaren Umfeld des ehemaligen Lagergeländes leben – die baulichen Überreste des NS-Terrors beim Blick aus dem Wohnzimmer oder Vorgarten stets vor Augen. In Bild und Text hielten die Fotografen fest, wie es sich in direkter Nachbarschaft eines Ortes lebt, der synonym verwendet wird für die Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden, Sinti, Sintizze, Roma und Romnja und anderer Personen. Ihre Werke zeigen eindrücklich den Kontrast zwischen der Sphäre des alltäglichen Lebens und der Erinnerung an eines der unfassbarsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Die Fotos dienten im Projekt in Tübingen als Inspirationsquelle für die Schüler:innen, um ihre eigene Nachbarschaft unter dem Blickwinkel der NS-Geschichte neu zu entdecken.  

Im Rahmen einer Führung durch Jugendguides ihrer Schule lernten sie historische Schauplätze des nationalsozialistischen Tübingen kennen. Die Schüler:innen erfuhren, wie die kommunale Demokratie ausgehöhlt wurde und sich das Tübinger Rathaus als ein Symbol nationalsozialistischer Machtausübung in der Region in der öffentlichen Wahrnehmung etablierte. Sie lernten, dass die heute unscheinbar im Stadtbild inkludierten Häuser in der Wilhelmstraße 24 und der Münzgasse 13 Gebäude waren, in denen die NSDAP-Kreisleitung und die Gestapo ihren Sitz hatten – Orte, von denen aus nicht nur die Propaganda von einer homogenen „Volksgemeinschaft“ verkündet wurde, sondern an denen auch die Folter, Verfolgung und Vernichtung derer organisiert wurden, die die Machthaber nicht dazu zählten. Die Schüler:innen erfuhren, dass Jugendliche in der heutigen Jugendherberge entsprechend der menschenverachtenden Ideologie der Nationalsozialisten erzogen wurden. Vor der Neuen Aula, einem der zentralen Gebäude der Universität Tübingen, hörten sie, wie deren Angehörige versuchten, diese Weltanschauung mithilfe vermeintlich wissenschaftlicher Forschungen zu legitimieren. Die Schüler:innen begaben sich auch an Orte, die symbolhaft für die Vernichtung der jüdischen Gemeinde Tübingens stehen. Sie erfuhren, dass in einem Modegeschäft in der Tübinger Innenstadt, wo manche heute ihre Kleidung kaufen, einst ein erfolgreiches Modehaus jüdischer Inhaber aufgrund des durch die Nationalsozialisten initiierten Boykotts zunächst wirtschaftlich schwer gebeutelt und schließlich zwangsweise „arisiert“ wurde. Auch den Gedenkort am Synagogenplatz besuchten die Schüler:innen und lasen auf den Gedenktafeln am Standort der in der Pogromnacht 1938 abgebrannten Synagoge die Namen der Mitglieder der jüdischen Gemeinde, die unter der nationalsozialistischen Herrschaft diskriminiert, vertrieben und ermordet wurden.

Um die Geschichte der kennengelernten Orte nicht nur in Textform, sondern auch fotografisch dokumentieren zu können, konnten sich die Schüler:innen in einem anschließenden Workshop mit Andreas Langen Tipps vom Profifotografen holen: Was macht ein gutes Foto aus? Wie wähle ich den richtigen Ausschnitt, um den Blick der Betrachter:innen zu bannen? Wie kann ich mithilfe des Einsatzes von Belichtung und Tiefenschärfe ein ästhetisch ansprechendes und künstlerisch wertvolles Bild knipsen? Am zweiten Tag bot sich den Schüler:innen die Gelegenheit, das Gelernte praktisch anzuwenden und sich nochmals intensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus in ihrer Heimatstadt auseinanderzusetzen. In Kleingruppen suchten sie Orte der NS-Geschichte hielten diese mit ihren Smartphones oder mit durch die Schule und das Landesmedienzentrum zur Verfügung gestellten Spiegelreflexkameras fest.

Ihre Fotos zeigen die Diskrepanz zwischen unbedarftem Alltagsleben in der Gegenwart und dem Schrecken, der sich mit einem Blick auf die Historie der abgebildeten Orte verbindet. Diese erschließt sich den Betrachter:innen häufig erst, wenn sie die von den Schüler:innen verfassten Bildbeschreibungen lesen, die kurz und nüchtern auf die Funktion der abgebildeten Gebäude und Plätze während der Zeit des Nationalsozialismus verweisen.

Die Fotos zeigen das prächtige, repräsentative Rathaus, die Jugendherberge im morgendlichen Sonnenschein oder eine friedliche Szene auf dem Stadtfriedhof, die nicht erahnen lässt, dass sich unweit des Platzes der Aufnahme ein Massengrab befindet. Im sogenannten Gräberfeld X wurden Kriegsgefangene, Opfer der NS-Justiz, Zwangsarbeiter:innen und andere Menschen bestattet, deren Körper ohne ihre Zustimmung von den Nationalsozialisten an die Anatomie der Universität Tübingen übergeben wurden. Die Fotos verdeutlichen anhand ausdrucksstarker Symbole, wie sich die Universität heute um Inklusion bemüht, während vor etwa 80 Jahren Menschen mit Behinderung entsprechend der nationalsozialistischen Ideologie dort stigmatisiert wurden.

Die Arbeiten der Schüler:innen sind auf dem Instagram-Kanal #geschichtenebenan zu entdecken. Zudem sollen die Schüler:innen die Gelegenheit erhalten, ihre Werke im Rahmen der Fotoausstellung „Nebenan. Die Nachbarschaften der Lager Auschwitz I-III“ der „arge lola“ zu präsentieren. Diese ist vom 26. November 2021 bis 8. Mai 2022 im Museum der Alltagskultur – Schloss Waldenbuch zu sehen.

Bericht: Linda Huber

Bilder vom Projekt in Tübingen

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