Gedenkstätten

 

Geschichte Gurs in den Jahren 1939-1942

1939 - Die Entstehung des Internierungslager Gurs

1939 wurde auf dem Hochplateau von Gurs eines jener improvisierten Sammellager errichtet, in dem die französische Regierung die Bürgerkriegsflüchtlinge aus Spanien internierte: Zivilisten vornehmlich aus Katalonien, Freiwillige der Internationalen Brigaden sowie Soldaten der nun besiegten Republik. Das Internierungslager Gurs diente der Unterbringung ganz unterschiedlicher Internierter: vermeintlich oder tatsächlich feindlich gesinnter Ausländer während des „Sitzkrieges“ (drôle de guerre), französischer Kommunisten nach der deutschen Besetzung Südfrankreichs 1942, zuletzt nach der Befreiung war es Gefangenenlager für Kollaborateure und deutsche Kriegsgefangene.

In der kollektiven Erinnerung ist Gurs mit keiner dieser heterogenen Interniertengruppen substanziell verbunden. Gurs ist vielmehr Synonym der Internierung jüdischer Zwangsmigranten: Flüchtlingen aus dem von Deutschland annektierten Elsass und Lothringen, vor allem aber den Opfern der ersten Massendeportation aus Deutschland, der sogenannten Oktoberdeportation der badischen und „saarpfälzischen“ Juden. Dies macht Gurs zu einem besonderen Erinnerungsort der badischen Geschichte. Als das unter allen französischen Internierungslagern am längsten bestehende ist Gurs überdies symptomatisch für die oft reibungslos funktionierende Kollaboration des französischen Vichy-Regimes mit dem nationalsozialistischen Deutschland.

„Vorhölle von Auschwitz“
Dass Gurs aber nicht nur für Frankreich, sondern auch für Spanien eine eminente erinnerungspolitische Dimension hat, wird die seit dem Ende der Franco-Diktatur nur zögerliche Aufarbeitung von Bürgerkrieg und den Säuberungen der Nachbürgerkriegszeit wohl noch erweisen. Als der NS-Vernichtungsmaschinerie zuarbeitender Teil des französischen Lagersystems hat Gurs schließlich supranational-menschheitliche Verweisfunktion. Insofern trifft die zeitgenössische Charakterisierung als „Vorhölle von Auschwitz“ nicht nur der herrschenden Zustände wegen zu. Von hier gingen die Transporte ins Sammellager Drancy, der letzten Station vor den Vernichtungslagern im Osten Europas.

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Antifaschisten unerwünscht? Der Entstehungskonnex von Gurs

Für die im französischen Exil lebenden NS-Gegner musste es wie bittere Ironie erscheinen, dass Europas Asylland „par excellence“ die soeben geschlagenen Verteidiger der spanischen Republik hinter Stacheldraht internierte! Etwa 450 000 Menschen drängten seit dem Fall Barcelonas über die Grenzen in ein Nachbarland, das sich umso weniger in der traditionellen Rolle des Asylgebers sah, je mehr es die innenpolitisch instabile Situation von außen gefährdet sah: Belasteten nicht die Spanienflüchtlinge einen möglichen Ausgleich mit dem siegreichen Franco-Regime? Und waren die zugleich ins Land gekommenen und nicht mehr repatriierungsfähigen Kombattanten der Internationalen Brigaden nicht linke Unruhestifter, die „Fünfte Kolonne“ Moskaus, die womöglich den französischen Teil des Baskenlandes destabilisierten?

Solche vornehmlich in der rechten Presse kursierende Zuschreibungen waren im Jahrzehnt seit 1926 gewachsen und hatten durch zahlreiche politische Attentate Nahrung erhalten und letztlich eine Revision in der Asylpolitik bewirkt. „Sie haben uns wie Feinde behandelt“, sollte sich Miguel Angel Sanz an seine Aufnahme in der einstigen Schwesterrepublik der Volksfront erinnern, die ihn mit 24 530 spanischen Landsleuten und Interbrigadisten im Lager Gurs inhaftierte.

Gurs war ein Barackenlager mit einer Aufnahmekapazität für 18 500 Personen. Im Unterschied zu den improvisierten Lagern am Mittelmeerstrand bot das etwa 80 Hektar große Areal mit seinen 428 Holzhütten wenigstens ein – wenngleich oft undichtes – Dach über dem Kopf. Gleichwohl waren auch die Verhältnisse hier wie in den anderen grenznah errichteten Barackenlagern für beide Seiten untragbar. Die französische Seite setzte auf eine Repatriierung der Spanier und ließ Abgesandte des Franco-Regimes bei den Lagerinsassen für eine Rückkehr werben. Tatsächlich reduzierte sich so die Zahl der Internierten, doch bezahlten Heimkehrer ihr Vertrauen in Amnestieversprechen oft genug mit Freiheitsentzug oder gar dem Leben.

Mit Kriegsbeginn ersetzten spanische Internierte die Arbeitskraft französischer Wehrpflichtiger in Landwirtschaft und Industrie, etliche kämpften an der Seite der französischen Armee, später in der Widerstandsbewegung Maquis gemeinsam mit der Résistance ein weiteres Mal gegen den Faschismus. Doch längst nicht alle spanischen Zivilisten, Soldaten und Interbrigadisten hatten Gurs verlassen, als im November 1942 die Deutschen den bis dahin scheinbar freien Südteil Frankreichs besetzten. Sie wurden so zu deren Opfer ethnisch-politischer Säuberung. Viele wurden deportiert, darunter der Karlsruher Rechtsanwalt, Sozialdemokrat und Bürgerkriegsveteran August Hoffmann. Im Unterschied zu manchem Schicksalsgenossen überlebte er die KZ-Haft in Lagern wie Dachau oder Mauthausen. Etwa 800 Bürgerkriegsflüchtlinge befanden sich noch in Gurs, als im Oktober 1940 die Deportierten aus Baden der Pfalz und dem Saarland hier eintrafen.

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Das Vichy-Regime und das Internierungslager Gurs

Zu Kriegsbeginn 1939 wurde Gurs zum Internierungslager für nunmehr verdächtige Ausländer, Deutsche, aber auch Angehörige deutsch besetzter Staaten, darunter Anhänger der Nationalsozialisten, primär jedoch deutsche und österreichische Emigranten, darunter viele Juden. Das Gros wurde in den folgenden Wochen und Monaten entlassen, viele Männer direkt in die Arbeit in Landwirtschaft und Rüstungsindustrie, einige auch in die Reihen der französischen Fremdenlegion.

Im Juni 1940 marschierte die Wehrmacht in Paris ein. Kurz darauf wurde Philippe Pétain, seit Mai stellvertretender Ministerpräsident Frankreichs, mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt. Am 22. Juni unterzeichnete er einen Waffenstillstandsvertrag mit dem Deutschen Reich, der die Teilung Frankreichs in eine von den Deutschen besetzte Nordzone und eine scheinbar freie Südzone, die von der französischen Regierung verwaltet werden sollte, zur Folge hatte. Damit war der Weg für die Kollaboration mit den deutschen Besatzern bereitet. Zudem sah der Vertrag die Auslieferung deutscher und österreichischer Exilanten vor, die vor dem NS-Regime geflohen waren und von denen ein Teil bereits in den französischen Lagern interniert war. Gurs wurde zum Sammellager für Frauen und Kinder – etwa 2 500 waren es Ende Mai gewesen, 9 771 am Tag des Waffenstillstands.

Am 10. Juli traten die Mitglieder der französischen Nationalversammlung in dem südfranzösischen Kurort Vichy zusammen. Mit großer Mehrheit erhielt Pétain uneingeschränkte Vollmachten, die ihm erlaubten, eine neue Verfassung zu verkünden: Der fortan autoritär geführte État français hatte damit die Dritte Republik abgelöst. Mit der Etablierung des Vichy-Regimes wandelte sich auch das Lagersystem. Die zuvor als Provisorien errichteten Internierungslager dienten nun als auf Dauer angelegtes Instrument, diejenigen Menschen zu verfolgen, die der neuen Regierung als „Fremde“ und „Staatsfeinde“ galten. Die prominenteste in Gurs Internierte des Sommers 1940 war Hannah Arendt. In einem Interview äußerte sie rückblickend ironisch, die Feinde hätten Menschen wie sie in Konzentrationslager gesperrt, die Freunde in Internierungslager. Frauen wie Arendt, dazu die während der Kampfhandlungen von Belgien in die südfranzösischen Lager transferierten Juden deutscher oder polnischer Herkunft waren Opfer der Xenophobie einer Zusammenbruchsgesellschaft, die die Kriegsniederlage dem Verrat einer „Fünften Kolonne“ zuschrieb. Ähnliches traf auf die französischen Kommunisten zu, die nach der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes als Sympathisanten des Kriegsgegners galten und sich nach Kriegsbeginn in Haft befanden. Etwa 1 200 zumeist politische Häftlinge aus Pariser Gefängnissen waren ab Herbst 1940 in Gurs.


(Nach Angela Borgstedt: Gurs. In: Baden-württembergische Erinnerungsorte. Hrsg.: Reinhold Weber, Peter Steinbach, Hans-Georg Wehling, Stuttgart 2012.)

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