Aus den Gedenkstätten: Exkursion nach Oświęcim & Kraków

Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg bot in Zusammenarbeit mit der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen in Baden-Württemberg (LAGG) vom 25. bis 30. August 2024 ein Exkursionsseminar für junge Mitarbeitende von Gedenkstätten in Baden-Württemberg an. Ziel waren Oświęcim, das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz und verschiedene historische Orte in Kraków. Insgesamt nahmen 19 Personen an der Exkursion teil. Schon vor dem ersten „offiziellen“ Kennenlernen stellte sich eine angenehme Gruppenatmosphäre ein. Zunächst tauschten wir unsere Beweggründe für die Fahrt und unsere Erwartungen aus.

Um ein Gefühl für den Ort Oświęcim zu bekommen, begann das Programm nach der Ankunft mit einer Stadtführung. Gabriela Nikliborz berichtete uns zunächst mehr über die Geschichte des Ortes. Oświęcim blickt auf eine 800 Jahre alte Geschichte zurück. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten dort etwa 7.000 Angehörige der jüdischen Gemeinde. Im Jüdischen Zentrum erhielten wir grundlegende Informationen über das jüdische Leben und die Gebetspraxis in der Synagoge. Anschließend besichtigten wir die Kirche des Salezjański-Ordens. Mit einem Eis gestärkt, erkundeten wir den Rynek (Marktplatz), wo man uns die Umbaupläne der Nationalsozialisten für die Stadt erklärte. Dann durften wir den nicht-öffentlichen jüdischen Friedhof besuchen. Dieser wurde 1784 angelegt und nach der Zerstörung durch die Nationalsozialisten in den 1990er Jahren vollständig restauriert. Nach dem Abendessen trafen wir Christoph Heubner, Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees. Er erzählte uns von der Gründung der Internationalen Jugendbegegnungsstätte (IJBS), gab uns seine Einschätzung zur politischen Lage in Deutschland, dem aufkommenden Nationalismus sowie Rechtsextremismus, der gezielten Verdrängung von Teilen der deutschen Geschichte in Deutschland  und erzählte von der Bedeutung der Begegnungen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.

Anschließend reflektierten wir den Verlauf des Tages und unser Befinden. Diese beiden Reflexionsfragen wurden zu einem festen Ritual für die kommende Woche. Die meisten von uns waren vom ersten Tag erschöpft, aber tief beeindruckt von der Führung und den gewonnenen Einblicken in die polnische Stadt. Darüber hinaus sprachen wir über den Besuch des jüdischen Friedhofs. Eine Teilnehmerin bemerkte, dass die Grabsteine dort nicht alle, wie sonst üblich, nach Osten ausgerichtet sind, sondern vielmehr wie in einem Museum arrangiert wirken. Grund dafür ist die Verwendung von jüdischen Grabsteinen als Pflastersteine während des NS-Regimes. Erst nach Beendigung des Kriegs wurden die Grabsteine wieder auf dem Friedhof platziert, ohne aber dabei auf die richtige Anordnung oder Ausrichtung zu achten.

Im Regen liefen wir am Montag zum Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau. Vor Ort erhielten wir Kopfhörer und wurden von einem Guide zunächst durch das sogenannte Stammlager Auschwitz I geführt. Dabei besuchten wir auch die Shoah-Ausstellung von Yad Vashem im Block 27 und das Krematorium. Anschließend fuhren wir mit einem Shuttle-Bus nach Birkenau. Vom Wachturm des Torhauses aus hatten wir einen Überblick über das Gelände und konnten uns ein Bild von dem Ort machen, an dem industrielles Töten stattfand. Im Verlauf der Führung  wurden uns die sichtbaren Überreste des ehemaligen Vernichtungslagers erläutert. Während einige Bereiche rekonstruiert  worden sind, sind die meisten Bereiche aufgrund von aufwendigen Restaurationen erhalten  geblieben. Die „Rampe“, an der die Selektionen stattfanden, die Überreste der gesprengten Krematorien, die Relikte des Effektenlagers Kanada, die Baracken, die „Sauna“, sowie die Wiesen und Teiche, in denen die Asche der Ermordeten verstreut wurden – all dies bewegte unsere Gruppe zutiefst.

Nach einer individuellen Verarbeitungspause besuchte ein Teil der Gruppe im Ausstellungspavillon der IJBS die Edition der Serie „Birkenau“ von Gerhard Richter. In der anschließenden Reflexion fand ein vertrauensvoller Austausch über die Erlebnisse statt.

 

Am nächsten Tag besuchten wir die Kunstausstellung des Museums Auschwitz-Birkenau. Jan Kaplon zeigte uns eine kuratierte Auswahl der spannenden Kunstwerke aus dem Archiv des Museums. Wir lernten mehr über die „Lagerausstellung“, die vom Herbst 1941 bis 1944 bestand. Inhaftierte Künstlerinnen und Künstler schufen dort Werke für die Ausstellung, fertigten aber auch Auftragsarbeiten für die SS an. Besonders eindrucksvoll waren die Werke von Dina Gottliebova-Babbitt, die exemplarisch für die komplexen Abwägungsprozesse stehen, mit denen sich das Museum kontinuierlich auseinandersetzen muss. In der Diskussion mit Jan Kaplon wurden Fragen zur Restitution, zu Leihgaben und zur Präsentation der Kunstwerke behandelt. Für einige Teilnehmende war die Führung durch die Kunstausstellung und das Gespräch mit Jan Kaplon ein besonderes Highlight der Reise.

Zurück in der IJBS erhielten wir von Elżbieta Pasternak einen umfassenden Überblick über die Geschichte der IJBS sowie das aktuelle das aktuelle (Vermittlungs-)Angebot vor Ort. Dabei wurden verschiedene Perspektiven auf die Vermittlung der Geschichte der Shoah zwischen der IJBS und dem Museum Auschwitz-Birkenau deutlich. Die IJBS empfängt überwiegend deutsche Gruppen, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzen, darunter auch regelmäßig Gruppen von Volkswagen.

Nachmittags besuchten wir das Gedenkmuseum für die Einwohner der Region Oświęcim. Das neue Museum beeindruckte mit innovativer Ausstellungstechnik, darunter ein Nebelvorhang und ein Hologramm. Im Mittelpunkt standen vor allem Zeitzeugenberichte in Form von Videos. Dank der guten Gruppendynamik kam es zu einem konstruktiven Austausch über unsere Erlebnisse in Oświęcim.

 

Mittwochs fuhren wir mit dem Zug nach Kraków. Nach der Ankunft und einer kurzen Stärkung führte uns unser Reiseleiter Holger-Michael Arndt durch die Stadt und vermittelte uns die Schönheit Krakóws anhand von Geschichten über Intellektuelle und Literaten. Nach individueller Zeit zur Besichtigung der Stadt trafen wir uns für ein typisches polnisches Abendessen wieder. Mit der Rote-Beete-Suppe Barszcz und dem traditionellen Käsekuchen Sernik wurde der Tag erfolgreich abgerundet.

Am Donnerstag führte uns Marzena Brynkus durch bedeutende Orte des jüdischen Lebens in Kraków. Wir besuchten den Gedenkplatz für die Opfer des jüdischen Ghettos, die Apotheke von Tadeusz Pankiewicz, die Fabrik von Oskar Schindler sowie die Drehorte des Films „Schindlers Liste“. Auch die Synagoge im jüdischen Viertel Kazimierz stand auf unserem Programm.

 

Danach besichtigten wir das ehemalige Konzentrationslager Płaszów. Das Gelände, das erst 2021 von der Stadt mit Gedenktafeln ausgestattet wurde, bot einen Kontrast zu dem viel besuchten Museum Auschwitz-Birkenau.

Abends reflektierten wir den Tag und die gesamte Reise. Alle drückten ihre Dankbarkeit dafür aus, dass ihnen die Teilnahme an dieser faszinierenden und lehrreichen Exkursion ermöglicht wurde. Darüber hinaus schätzten die Teilnehmenden die positive Gruppendynamik und den konstruktiven Austausch untereinander. Ein besonderer Dank gilt der ausgezeichneten Organisation und Betreuung.

Text: Hannah Dohlen und Salome Faigle

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