Gedenkstätten

 

Erinnerung für die Zukunft – Radio AG, Mannheim

Ein Projekt der KZ-Gedenkstätte Mannheim-Sandhofen und dem Radiosender bermuda.funk

Von der Idee bis zur Umsetzung

Im Rahmen ihrer Tätigkeit bei der KZ-Gedenkstätte Mannheim-Sandhofen kam Christine Psutka  in Kontakt mit Christina Gehrlein vom bermuda.funk. Daraus entstand die Idee, eine neue Art der Erinnerungsarbeit und -vermittlung zu etablieren, durch die unterschiedliche Menschen und Zielgruppen aus der gesamten Gesellschaft angesprochen werden.
Nachdem der Förderantrag bewilligt worden war, veranstalteten Gehrlein und Psutka mehrere Infoabende, um bestehende Netzwerke rund um den bermuda.funk und die Gedenkstätte zu aktivieren.

Es dauerte nicht lange, bis sich einige Interessierte gefunden hatten und ein erstes Treffen der Radio-AG in den Räumlichkeiten des bermuda.funks im Alten Volksbad in der Neckarstadt-West zustande kam.

Die AG besteht seitdem aus einem festen vier- bis fünfköpfigen Mitgliederstamm, der sich alle zwei Wochen trifft. Die regelmäßigen Treffen und der Zeitaufwand für die AG erfordern, laut Psutka, schon ein gewisses Engagement seitens der Mitglieder. Anfangs sei zudem die Hemmschwelle, live im Radio zu sprechen, bei vielen noch sehr groß gewesen.
Im März war es dann endlich so weit: „Erinnerung für die Zukunft“ ging erstmals auf Sendung. Zunächst besuchten die Radiomacher*innen die KZ-Gedenkstätte in der jetzigen Gustav-Wiederkehr-Schule und führten Interviews mit den Besucher*innen vor Ort. Ziel war es, ihre Eindrücke von der Gedenkstätte einzufangen.

Die Fahrt nach Warschau als Auftakt

Mit der Gründung der AG sollte auch für eine von der Gedenkstätte geplante Warschau-Exkursion geworben werden. Das Ziel der Reise wurde aufgrund zweier Ereignisse ausgewählt, die sich 2019 zum 80. bzw. 75. Mal jährten: der deutsche Überfall auf Polen und der Warschauer Aufstand. Beide Ereignisse stehen in enger Verbindung mit den Schicksalen der Häftlinge im Konzentrationslager Mannheim-Sandhofen.

Gegenseitige Besuche von Einzelnen aus Polen und Mannheim gab es in der Vergangenheit häufiger. Immer wieder kam es zu einem wechselseitigen Austausch zwischen den Orten anlässlich verschiedener Gedenkveranstaltungen oder im Rahmen von Begegnungsabenden und angeleiteten Gesprächen. Dieses Mal bestand darüber hinaus der Wunsch, die Stadt besser kennenzulernen. Insbesondere war angedacht, die zu behandelnden Themen an den einzelnen Etappen bzw. Programmpunkten der Reise festzumachen.  Die Gruppe besuchte Gedenkstätten, Erinnerungsorte und Museen und nahm gleich an mehreren Stadtführungen teil.

Auch die Beteiligten der Radio-AG waren mit von der Partie. Die Warschau-Reise sollte in diesem Rahmen thematisch vor- und nachbereitet werden. Die einzelnen Stationen der Fahrt waren als Anknüpfungspunkte an die Themensetzung der Radiosendungen vorgesehen.

Die gewonnenen Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen liefern nun das Material, das in den Sendungen aufgegriffen und aufbereitet wird. Während der Exkursion ist eine lebendige Reisereportage entstanden, die neben ernsten Themen zur Vergangenheit, Stadtgeschichte und zu historischen Ereignissen auch die gegenwärtige Atmosphäre, das Szeneleben, Kultur, Gesellschaft und Lebensgefühl der Stadt Warschau widerspiegelt.

Durch diese einzigartige und abwechslungsreiche Gestaltung gelingt es, die Zuhörer*innen in jeder Sendung auf die Reise mitzunehmen, einzubeziehen und anzuregen, sich mit den angesprochenen Themen auseinanderzusetzen. Die zwischen den einzelnen Gesprächssequenzen eingespielten musikalischen Beiträge sorgen für Auflockerung und dafür, dass die Aufmerksamkeit der Zuhörer*innen nicht überstrapaziert wird. Schließlich handelt es sich bei den Beiträgen oftmals um sehr ernste emotional bewegende Themen.

In jeder Sendung ein neuer Aspekt und verschiedene Blickwinkel

Die Radiomacher*innen bemühen sich darum, die einzelnen Sendungen unterschiedlich und vielseitig aufzubauen. Dementsprechend werden immer wieder unterschiedliche Gäste als Interviewpartner in die einzelnen Sendungen eingeladen.

Nebenbei werden automatisch Bezüge zu aktuellen politischen Themen hergestellt, was verdeutlicht, wie stark die Vergangenheit und historische Ereignisse unsere heutige Gesellschaft beeinflussen. Politische und gesellschaftliche Entwicklungen werden unmittelbar in den historischen Kontext eingeordnet und können teilweise hieraus erklärt oder zumindest nachvollzogen werden. Ein Beispiel dafür ist die in einer Sendung thematisierte Haltung der polnischen Bevölkerung und Regierung zum Warschauer Aufstand sowie zum Aufstand im Warschauer Ghetto. Auch die Unterschiede innerhalb der Erinnerungskultur zwischen Deutschland und Polen sowie der jüdischen polnischen Bevölkerung kommen zur Sprache.

Abwechslungsreich und innovativ
Für eine abwechslungsreiche Gestaltung der Radiosendung sorgen u. a. die unterschiedlichen Beitragsarten, wie klassische Interviews oder Spontanaufnahmen vor authentischer Geräuschkulisse. Und die Ideen sind diesbezüglich noch lange nicht ausgeschöpft: Christina Gehrlein möchte noch viele andere Radioformen ausprobieren. Eine besondere Herausforderung bei der Aufbereitung der Warschau-Reise war es, die verschiedenen Orte, ihre Aura und die visuellen Eindrücke einzufangen und in „Radiosprache“ zu übersetzen. Das sei „nicht einfach, aber auf jeden Fall spannend“ gewesen.
Wie geht es weiter?
Auch die kommenden Sendungen werden sich noch um Warschau drehen. Die Kooperation zwischen der KZ-Gedenkstätte und dem Bermudafunk wird 2020 fortgeführt und weiter ausgebaut. Eine Überlegung ist, das produzierte Audiomaterial der Gedenkstätte dauerhaft zur Verfügung zu stellen. Zusätzliche Audiobereiche könnten eingerichtet und in die Ausstellung integriert werden.
„Erinnerung für die Zukunft“ ist mittlerweile ein fester Bestandteil im bermuda.funk-Programm. Zusammen mit der AG möchten Gehrlein und Psutka neue Ideen entwickeln, wie auch andere Erinnerungsthemen behandelt und „radiotauglich“ umgesetzt werden können.
Sowohl Gehrlein als auch Psutka fänden es schön, wenn demnächst noch mehr Teilnehmer*innen dazukommen würden und die AG weiter wächst.

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Reinhören, Reinschauen, Mitmachen

Dabei hat jede*r die Möglichkeit, sowohl an der AG als auch selbst im Radio aktiv mitzuwirken und eigene Sendungen zu gestalten.
Ein regelmäßiges Angebot von Aus-und Fortbildungsmöglichkeiten in Form von Seminaren und Workshops bietet praxisnahe Einblicke in den Alltag der Freien Radioarbeit.
Darüber hinaus gibt es zahlreiche Angebote für Radioneulinge: ein Infoabend, der alle zwei Monate stattfindet und Wege aufzeigt, selbst auf Sendung zu gehen.
Der zweitägige Einführungsworkshop „Lizenz zum Senden“ findet vier Mal im Jahr statt. Weitere Schulungen für Sendende und Sendeinteressierte gibt es regelmäßig zu verschiedenen Themen.

Spezielle Workshops mit unterschiedlichen Schwerpunkten fanden in der Vergangenheit ebenfalls statt.
Alle Workshop-Termine und ausführliche Ankündigungen finden sich auf der Homepage des bermuda.funk:

Weitere Informationen:


Bericht: Ann-Kathrin Ziemann / Aufbereitung für das Netz: Internetredaktion der LpB (Stand: Februar 2020)


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