Todesmärsche durch Oberschwaben/Allgäu

Neue Forschungsergebnisse

Konrad Pflug, der langjährige und erste Leiter des Fachbereichs Gedenkstättenarbeit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, regte im Sommer 2013 erneute Nachforschungen zu den Todesmärschen an. Dahinter stand die Sorge, dass mit dem Ableben der letzten Zeitzeugen bisher nicht erfasste Spuren, Dokumente, Fotos endgültig verloren gehen.

Diesem Aufruf folgend begannen wir mit den Recherchen. Bisherige Veröffentlichungen sagen aus, dass sich die Routen der Todesmärsche nicht eindeutig festlegen lassen. Es ist gelungen den Verlauf der Wege zu präzisieren, durch Berichte von Überlebenden, die Orte benennen, die mit dem Tod von Kameraden, der Hilfe Einheimischer und ihrer eigenen Flucht verbunden sind, sowie durch letzte Spuren der Wachmannschaften und Aussagen von Zeitzeug:innen.

Manche bisherige Aussagen müssen nun kritisch betrachtet werden. Berichtigen können wir, dass in der Nacht zum 22. April 1945 ein Bahntransport mit 700 Häftlingen in Haidgau ankam. Das Wort „train“ wurde falsch übersetzt. Es bezeichnet hier keinen Eisenbahnzug, sondern Kolonnen von Häftlingen, die zu Fuß unterwegs waren. Wachmannschaften ließen am „Schwarzen Kreuz“ bei Wurzach Kolonnen mit mehreren hundert Häftlingen zurück. Der Überlebende Heinrich Rotmensch hatte ausgesagt, dass es in der Gegend von Wurzach/Waldsee zur Erschießung von über 20 Häftlingen gekommen sei. Im Mai 1945 forschte die französische Besatzungsmacht vergeblich nach diesen Toten. Auch Zeitzeug:innen aus den Dörfern können sich nicht an eine Massenerschießung erinnern. In örtlichen Archiven gibt es dazu keinen Hinweis.

Der Schauplatz der Morde an den beiden Niederländern bei Ittelsburg war nicht das „Teufelsloch“. Gregor Dorn aus Ittelsburg berichtete uns, dass RAD-Männer zwei KZ-Häftlinge aufgegriffen, im Eiskeller der Wirtschaft seiner Tante Theresia eingesperrt und später zum RAD-Übungsplatz getrieben hatten. Dort zwangen sie die Männer, ihr eigenes Grab zu schaufeln, und erschossen sie. Einer der Ermordeten war Philip Korber aus Amsterdam, zuletzt Häftling im KZ Spaichingen.

Die Ereignisse in den Orten Riedlingen, Biberach und Ehingen wurden bisher in Verbindung mit dem Todesmarsch nicht oder nur am Rande erwähnt. Wir haben die Ergebnisse unserer Recherchen auf der Homepage des „Denkstättenkuratoriums NS-Dokumentation Oberschwaben“ dokumentiert: https://www.dsk-nsdoku-oberschwaben.de/meta-navigation/forschungsergebnisse/.

In Fridingen a. D. und Neufra, Kreis Sigmaringen, aufgefundene Tote wurden fälschlich zu den Opfern des Todesmarsches gezählt. Das Ergebnis unserer Recherchen zu Fridingen: Zeitgleich mit den Kolonnen der KZ-Häftlinge kam ein Transport des „Beweglichen Heeresgefängnisses AOK 19“ durch Fridingen. Ein Wehrmachtsstrafgefangener, dessen Identität nicht mehr feststellbar ist, wurde beim „Heiligen Brunnen“ erschossen. Die Bevölkerung unterschied die Gefangenen des AOK 19 nicht von denen der KZ-Todesmärsche. Das führte dazu, dass einige den erschossenen Soldaten für einen KZ-Häftling hielten.

Gammertingen: 2015 konnten wir nachweisen, dass die dortigen Morde bereits im November 1944 stattfanden. Drei aus dem KZ Bisingen entflohene russische Häftlinge konnten sich bis Neufra durchschlagen. Sie versteckten sich in einer Scheune. Die vom Bauern benachrichtigte Polizei sperrte die drei in den Gemeindearrest. Am Nachmittag trieben die Polzisten die Häftlinge über die alte Steige den Hochberg hinauf, um wenig später zu berichten, sie hätten die Männer auf der Flucht erschießen müssen.

Der Zugang zum Online-Archiv der Arolsen Archives ermöglichte es uns, die Identität und Biographie von 69 Spaichinger Häftlingen zu klären, die Spuren auf dem Todesmarsch hinterließen. Ihre Daten und Leidenswege erfassten wir in einer Tabelle. Diese ergänzen wir durch die Lebensbilder in Textform. Stationen des Spaichinger Todesmarsches stellt Eugen Michelberger in einer Karte dar: www.dsk-nsdoku-oberschwaben.de.

Außerdem konnten wir die Identität dreier bisher unbekannter Toter klären:
Laut Sterbebuch der Pfarrgemeinde Sulzberg wurde am 27. April 1945 bei Sulzberg ein KZ-Häftling mit der Nummer 61 883 tot aufgefunden und als unbekannter Toter beerdigt. Im Mai 1958 wurden die Sulzberger Kriegsopfer auf den Ehrenfriedhof in Sonthofen umgebettet. Ab 1945 suchten Angehörige aus London und Paris nach einem Verwandten, der von der SiPo am 1. Dezember 1944 in Budapest verhaftet und deportiert worden war. Am 22. Oktober 1948 stellten die Behörden die Nachforschungen ein. 2020 fanden wir im Online-Archiv der Arolsen Archivs Hinweise auf den Häftling mit der Nr. 61 883. Am 7. Februar 1945 wurde er im KZ Sachsenhausen mit der Nummer 117 689 registriert. Am 8. Februar 1945, Eingangsbuch KZ Buchenwald: Soltan Renner, geboren am 16. Juni 1918 in Ungarn, Jude, Häftlingsnummer 129 589, Maschinenbauingenieur, politischer Häftling, Größe 158 cm, ovales Gesicht, dunkelbraune Haare, graue Augen. Anfang März 1945 kam er mit dem Transport „Sperling“ in das Natzweiler-Außenlager Spaichingen, Häftlingsnummer: 61 883. Am 17./18. April 1945 Beginn des Todesmarsches. Am 25. April 1945 wurde der Häftling 61 883 zum letzten Mal bei Kempten gesehen. 2021 erhielt Zoltan Renner einen Gedenkstein auf dem Ehrenfriedhof in Sonthofen.

Bei Haisterkirch wurden am 2. Juni 1945 zwei KZ-Häftlinge, mit den Nummern 87 719 und 125 061, ermordet aufgefunden. Deren Identität blieb ungeklärt, bis es uns 2013 gelang, Namen und Herkunft festzustellen: Karl Panhans, geboren 1893 im Sudentenland, evangelisch, und Julius Spiegel, geboren 1903 in Kaisersdorf im Burgenland, jüdisch. 2020 stießen wir auf Unterlagen über ihr Schicksal und das ihrer Angehörigen. Vermutungen, die Toten seien am 12. Februar 1948 nach Biberach umgebettet worden, entsprachen nicht den Tatsachen. 2020 fanden wir heraus, dass sie 1948 innerhalb des Friedhofs von Haisterkirch in einem Sammelgrab mit mehreren Kriegsopfern bestattet wurden. 2021 wird eine Gedenktafel auf dem Friedhof in Haisterkirch an sie erinnern.

Die neuen Forschungsergebnisse sind in einer umfangreichen PDF-Datei dokumentiert, die auf Anfrage (gertrudgraf37@remove-this.gmail.com) per Mail zugesendet werden kann.

Text: Gertrud Graf und Eugen Michelberger | Aufbereitung für das Netz: Fachbereich Gedenkstättenarbeit der LpB (Stand Juni 2021)

 

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