20 Jahre Gedenkstätte „Mahnmal Neckarzimmern“ – in Denkmälern greifbar gewordene Erinnerungsarbeit junger Menschen

Die Gedenkstätte „Mahnmal zur Erinnerung an die Deportation der badischen Jüdinnen und Juden am 22. Oktober 1940“, kurz „Mahnmal Neckarzimmern“, wurde nach einer konzeptionellen Vorarbeit von einigen Jahren im Jahr 2005 eingeweiht. Aus diesem Anlass veranstaltete der Förderverein Mahnmal, der die Gedenkstättenarbeit seit 2016 im Wesentlichen verantwortet, am 19. Oktober 2025 eine Feier, um die inzwischen 20-jährige Arbeit zu würdigen. Diese schloss sich an die jährlich stattfindende Gedenkfeier am Mahnmal an. Das hier verlinkte Video gibt einen Überblick über die Entstehung des Mahnmals.
Beim gemeinsamen Erinnern geht es nicht nur um den Blick zurück. Es geht auch um einen Auftrag für das heutige Handeln. Darin waren sich alle einig, die am 19. Oktober 2025 anlässlich des 85. Jahrestages der Deportation zur Gedenkfeier am Mahnmal in Neckarzimmern zusammenkamen.
Am 22. Oktober 1940 deportierten die Nationalsozialisten mehr als 6.500 Menschen aus Baden, der Pfalz und dem Saarland. Sie wurden in die sogenannte unbesetzte Zone Frankreichs verschleppt. Dort internierten die Behörden die Deportierten im Lager Gurs. Nur wenige überlebten die NS-Zeit. Die meisten jüdischen Badenerinnen und Badener wurden ab 1942 in Vernichtungslager im Osten deportiert. Dort wurden sie meist unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet.
Das 2005 eingeweihte Mahnmal Neckarzimmern besteht aus einer Bodenskulptur des Künstlers Karl Vollmer und inzwischen über 130 Erinnerungssteinen, meist von Jugendlichen gestaltet. Die Bodenskulptur hat die Form eines etwa 25 x 25 Meter großen Davidsterns. Sie befindet sich auf einer frei zugänglichen Wiese des Tagungsgeländes der evangelischen Jugendbildungsstätte Neckarzimmern. Der Platz bietet Raum für Erinnerungssteine aus 138 badischen Deportationsorten. Diese Kleindenkmäler wurden und werden von Schulklassen und Jugendgruppen gestaltet und entstehen im Rahmen des „Ökumenischen Jugendprojekts Mahnmal“ der Erzdiözese Freiburg, der Evangelischen Landeskirche Baden und des Fördervereins Mahnmal.
Jürgen Stude, der Vorsitzende des Fördervereins Mahnmal, begrüßte am 19. Oktober 2025 über 200 Gäste, auch im Auftrag der beiden großen Kirchen. Unter den Gästen war auch eine israelische Familie, die am Vortag an der Verlegung von Stolpersteinen in Sinsheim teilgenommen hatte.
Thorsten Gompper, Rektor des Erzbischöflichen Seelsorgeamtes Freiburg, verwies auf die Nähe des christlichen Erntedankfestes zum jüdischen Laubhüttenfest. Die Nationalsozialisten hätten diesen Tag bewusst für die Deportation gewählt. Prälatin Heide Reinhard von der Evangelischen Landeskirche Baden betonte: „Menschlichkeit muss immer wieder neu gelebt werden.“ Dazu brauche es berührendes Erinnern. Das Mahnmalprojekt sei dafür ein gelungenes Beispiel.
Gerade heute sei es besonders wichtig, sich gegen die „Feinde der Demokratie“ zu wehren, erklärte Volker Schebesta MdL. Der Staatssekretär im Kultusministerium Baden-Württemberg dankte allen Beteiligten am Mahnmalprojekt. „Es ist ein vorbildliches Projekt“, sagte er. Beeindruckt zeigte sich auch Rabbiner Jona David Pawelczyk-Kissin von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden. Der Heidelberger Rabbiner wünschte allen einen dauerhaften Frieden in Europa und Israel.

Im Rahmen der Gedenkfeier wurden neue Erinnerungssteine vorgestellt. Sie stammen aus Bad Rappenau-Grombach und aus Wangen am Bodensee. Damit sind nun 132 von 138 bekannten badischen Deportationsorten in Neckarzimmern vertreten. Der Grombacher Stein erinnert in seiner Gestaltung an die ehemalige Synagoge des Ortes. Er trägt ein Zitat aus dem Buch Jesaja: „Mein Haus soll ein Bethaus für alle Völker genannt werden.“ Der Gedenkstein für Wangen wurde von Schülerinnen der Evangelischen Schule Gaienhofen geschaffen. Auch er orientiert sich an der Architektur der einstigen Synagoge im Dorf.

Im Anschluss an die Gedenkfeier lud Jürgen Stude in die Neckarzimmerner Festhalle ein. Dort wurde das 20-jährige Bestehen des Mahnmalprojekts gefeiert. Eine Medienpräsentation von Dr. Thomas Christ zeigte die Stationen aus zwei Jahrzehnten ökumenischer Jugendarbeit. Landrat Dr. Achim Brötel würdigte das badenweite Projekt, das er von Beginn an begleitet hat. „Am Anfang stand eine Vision – heute ist daraus Realität geworden“, sagte er. Das Mahnmal sei heute ein zentraler Erinnerungs- und Lernort der baden-württembergischen Gedenkkultur und ist die einzige Gedenkstätte in Baden-Württemberg, die an die Deportation der badischen Jüdinnen und Juden vom 22. Oktober 1940 unter Einbeziehung der unterschiedlichen Deportationsorte erinnert.
Der Neckarzimmerner Bürgermeister Christian Stuber betonte die besondere Bedeutung des Projekts: „Dieses Mahnmal ist lebendig.“ Es bleibe lebendig, wenn neue Steine entstünden und junge Menschen den Mut hätten, sich dieser Aufgabe zu stellen.
Zum Abschluss würdigte Prof. Dr. Reinhold Boschki (Universität Tübingen) das Mahnmal Neckarzimmern als gelungenes Beispiel der Erinnerungskultur für Gegenwart und Zukunft. Die Elemente seien gleichermaßen biografienorientiert, lokal verankert, an der jüdischen Lebenswelt interessiert und bildungsorientiert. Damit stelle das Mahnmal eine mustergültige Umsetzung einer dialogischen und multiperspektivischen Erinnerungskultur dar.
Zum 20-jährigen Bestehen des Mahnmals in Neckarzimmern und des ökumenischen Jugendprojekts „Mahnmal für die deportierten Juden und Jüdinnen Badens“ hat der Förderverein Mahnmal der Gedenkstätte eine Dokumentation erstellt:
https://youtu.be/ogRE6AfJykk.
Auch zum Erinnerungsstein aus Wangen am Bodensee gibt es einen Filmbeitrag der Evangelischen Landeskirche Baden:
https://www.youtube.com/watch?v=xrCmTU65w4k&t=5s.
Text: Förderverein Mahnmal e. V.