Aus den Gedenkstätten:

Denkstättenkuratorium erweitert Netzwerk

In den letzten vier Monaten konnte das Denkstättenkuratorium NS-Dokumentation Oberschwaben (DSKOS) sein Netzwerk weiter ausbauen. Neue Partnerschaften entstanden mit Bad Wurzach, Grenzach-Whylen, Hohentengen, Konstanz. Ältere Bindungen mit Ravensburg und Bad Waldsee wurden vertieft.

Bad Wurzach: Gisela Rothenhäusler recherchiert seit Jahren zum Schicksal der im Wurzacher Schloss zwangsinternierten Familien aus Jersey, baute Kontakt zu deren Familien auf, die regelmäßig zu Begegnungen anreisen. Sie brachte der Stadt das Schicksal Clemens Höggs, geb. 1880 in Wurzach, in Erinnerung, der als SPD-Abgeordneter 1933 die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz verweigerte, bis 1945 verschiedene KZ durchlitt und 1945 in Bergen-Belsen starb. Im Februar 2025 wurde für ihn in Wurzach ein Stolperstein gelegt.
 

Grenzach-Whylen: Sandra Grether und Axel Hüttner befassen sich seit vielen Jahren mit NS-Opfern der Gemeinde. Auf ihre Initiative wurden im Februar 2025 die ersten elf Stolpersteine für die jüdischen Familien Stein und Bloch verlegt. Bis zu 70 weiteren Opfer soll auf diese Weise bald ihre Würde wiedergegeben werden. Seit 2017 erinnert ein Gedenkstein an die Hinrichtung Wladislaw Wielgos, der 1941 an einer Buche gehängt wurde. Seine Freundin Berta Liesenfeld wurde an den Pranger gestellt und ins KZ Ravensbrück deportiert. Des Weiteren gab Sandra Grether wertvolle Hinweise auf Quellen zum Schicksal entwürdigter Frauen und hingerichteter Polen im Bodenseeraum.

Hohentengen-Beizkofen: Im November 1944 wurden 200 Griechen zur Zwangsarbeit beim Ausbau des Flugplatzes Mengen nach Beizkofen überstellt. Die Männer stammten aus kommunistischen Stadtvierteln Athens. Sie waren im August 1944 verhaftet und in das KZ Hailfingen-Tailfingen deportiert worden. Die Bedingungen dort waren lebensbedrohlich. In Beizkofen schrieb Ioannis Sachpeloglou in sein Tagebuch: „Wir sind jetzt menschlich untergebracht.“ Volker Mall hat ihr Schicksal erforscht. Im Februar 2025 konnte er einen Besuch der Nachkommen in Beizkofen und eine Begegnung mit einheimischen Zeitzeugen durch Vermittlung des DSKOS mit dem Geschichtsverein Mengen verwirklichen.

Konstanz: Am 27.01.25 erinnerte Sabine Bade mit einem Vortrag im ZfP Reichenau an die Opfer der NS-Bevölkerungspolitik. Mit Roland Didra recherchiert sie seit Jahren für die Initiative „Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen und Intoleranz“ zu Opfern der Zwangssterilisation und der Krankenmorde. Aus ihrer Arbeit entstanden 2024 das Gedenkbuch „Es konnte alle treffen“, eine gleichnamige Ausstellung und die Stolperschwelle vor dem Amtsgericht für 291 Opfer der Zwangssterilisation.
Im Jahr 2025 konzipiert die Initiative fünf Informations- und Gedenkstelen in Konstanz vor dem ehemaligen Gesundheitsamt, am ehemaligen Erbgesundheitsgericht, vor der ehemaligen Frauenklinik, am Klinikum und am Massengrab auf dem Hauptfriedhof. Sabine Bade konnte bis heute 713 Frauen, Männer und Jugendliche aus dem gesamten Kreis namentlich identifizieren, die in den beiden Konstanzer Kliniken zwangssterilisiert wurden.

Ravensburg: Das DSKOS arbeitet seit vielen Jahren mit den Sinti und Roma aus Ravensburg zusammen.  Ab 1850 wurde Ravensburg zu einem Zentrum gewerblicher Aktivitäten für Sinti-Familien. 1937 wurden die 117 in Ravensburg lebenden Sinti enteignet und in das Barackenlager Ummenwinkel zwangsumgesiedelt. Am 13. März 1943 erfolgte die Deportation von 38 Ravensburger Sinti in das KZ Auschwitz-Birkenau. 29 wurden ermordet. Nur sechs überlebten. Nach 1945 bauten sich die Sinti in Ravensburg ein neues Leben auf. 
Das DSKOS ist – gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Akteuren – an der Planung und Realisierung eines Denkmals am ehemaligen Ummenwinkel beteiligt. Am 16. März 2025 fand eine Gedenkveranstaltung am Denkort vor der Kirche St. Jodok statt, der seit 1999 existiert.

Waldsee: Am 29. April erinnerte die Stadt Bad Waldsee mit einer Gedenkfeier im Museum im Kornhaus an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren. Im Mittelpunkt stand das Gedenken an Auguste Bonal, Lucien Monjoin, Karl Panhans und Julius Spiegel – vier Häftlinge aus den Wüste-Lagern, die auf den Todesmärschen auf dem Gebiet Waldsees (in Unterurbach und Haisterkirch) erschossen wurden. Gedenktafeln des Denkstättenkuratoriums erinnern in Bad Waldsee und Haisterkirch an diese Ereignisse. Auguste Bonal hatte die Produktion im Walzwerk von Peugeot sabotiert, Lucien Monjoin war Anführer der Résistance im französischen Jura. Beide waren Mitglied im britischen Geheimdienst S.O.E. Gäste der Gedenkveranstaltung waren deshalb: Thierry Peugeot und der französische Generalkonsul Gaël de Maisonneuve sowie Vertreter aus Montbéliard, Sochaux und Waldsees Partnerstadt Bâgél. Schüler des Gymnasiums Waldsee wirkten mit. Kooperationspartner waren das DSKOS, der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (KDA), die LpB, das Gymnasium und die vhs Bad Waldsee.
Die Stadt und der Museums- und Heimatverein zeigten zu diesem Anlass über mehrere Wochen im Kornhaus die Ausstellung zum doppelten Ende des Konzentrationslagers Natzweiler „Freiheit – so nah, so fern“, die 2014 als Gemeinschaftsprojekt von Gedenkstätten in Frankreich und Baden-Württemberg entstanden ist und über die LpB verliehen wird. Die von der Stadt und dem Museums- und Heimatverein Bad Waldsee konzipierten Erweiterungstafeln sind in Form einer „digitalen Ausstellung“ auf den Webseiten des Denkstättenkuratoriums zu finden (Direktlink: www.dskos.de/gedenkorte/bad-waldsee). Im gesamten Ausstellungszeitraum war es möglich, die Forschungsarbeit „Todesmärsche im April 1945 aus den ,Wüste‘-Lagern und dem KZ Spaichingen durch Oberschwaben und das Allgäu bis in die bayrischen Alpen“ von Gertrud Graf und Eugen Michelberger zu beziehen, die vom DSKOS herausgegeben wurde und grundlegende, zu der Veranstaltung passende Forschungsergebnisse beinhaltet. Die Publikation stieß auf hohe Resonanz.

Weitere Informationen zur Netzwerkerweiterung finden Sie auf der Webseite des DSKOS.

Text: Gertrud Graf, Eugen Michelberger und Hendrik Schuler

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