Aus den Gedenkstätten:

Mahnmal 2.0 in Neckarzimmern

Vom 30. April bis 3. Mai 2026 fand in der Evangelischen Jugendbildungsstätte Neckarzimmern ein Seminar von Stipendiat*innen der Studienstiftung des Deutschen Volkes zum Thema Intersektionalität statt. Bereits bei der Vorbereitung war dem Organisationsteam das Mahnmal zur Erinnerung an die Deportation der badischen Jüdinnen und Juden am 22. Oktober 1940 aufgefallen. Schnell entstand die Idee, den Erinnerungsort in das Seminarprogramm einzubeziehen. Anknüpfungspunkte zum Seminarthema – der Überschneidung und Gleichzeitigkeit verschiedener Formen von Diskriminierung – ließen sich dabei unmittelbar finden.

Da die Mehrheit der Teilnehmenden nicht aus Baden stammte, führten Susanne und Thomas Christ vom Förderverein Mahnmal zunächst in die historischen Hintergründe ein. Sie erläuterten die Situation im Jahr 1940, die von Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung geprägt war – insbesondere gegenüber der jüdischen Bevölkerung, aber auch gegenüber anderen verfolgten Gruppen wie politisch Andersdenkenden, homosexuellen Menschen oder Menschen mit Behinderungen. Anschließend stellten sie den spezifischen Kontext der Deportation der badischen Jüdinnen und Juden im Rahmen der sogenannten Wagner-Bürckel-Aktion vor.

Darauf aufbauend erläuterten sie die Entstehungsgeschichte des Ökumenischen Jugendprojekts Mahnmal, aus dem die heutige Gedenkstätte in Neckarzimmern hervorgegangen ist. Ein zentrales Anliegen dieses Projekts war und ist es, historisches Lernen mit „Kopf, Herz und Hand“ zu ermöglichen und damit Wissen, Emotionen und eigenes Handeln miteinander zu verbinden.

Im Anschluss erkundeten die Teilnehmenden gemeinsam das Mahnmal und nutzten die Gelegenheit, Fragen zu den einzelnen Gedenksteinen sowie zu deren Entstehung und Bedeutung zu stellen.

Das Mahnmal in Neckarzimmern ist inzwischen nahezu vollständig: In den vergangenen 20 Jahren wurden 131 der insgesamt 139 möglichen Gedenksteine gesetzt. Für die Jugendlichen, die daran aktiv mitgewirkt haben, war dies eine außergewöhnliche und nachhaltig prägende Lernerfahrung. Diese intensive Form des historischen Lernens lässt sich durch einen bloßen Besuch der Gedenkstätte nicht ersetzen.

Vor diesem Hintergrund entwickelte die Seminargruppe in einem Workshop Ideen, wie auch künftig vergleichbar nachhaltige Lernerfahrungen im historischen Lernen ermöglicht werden können – gewissermaßen ein „Mahnmal 2.0“. Im Mittelpunkt standen dabei unter anderem folgende Fragen:

• Wie kann das Mahnmal auch künftig genutzt werden, um Jugendliche ganzheitlich an das Thema heranzuführen?
• Welche Formen des historischen Lernens ermöglichen ähnlich intensive und nachhaltige Erfahrungen?
• Wie kann das Gedenken an die Deportation langfristig lebendig gehalten und dauerhaft gesichert werden?

Der Workshop brachte eine Vielzahl kreativer und praxisnaher Anregungen hervor. Dazu gehörten unter anderem:

• ehemalige Mitwirkende als „Zeitzeug*innen 2.0“ einbinden,
• Informationen aus historischen Quellen kreativ weiterverarbeiten (z. B. durch fiktive Tagebucheinträge),
• neue Formen der Ritualisierung entwickeln, etwa eine „Klagemauer“ für Gedanken, Biografien oder persönliche Reflexionen,
• vergleichbare Projekte zu anderen Verfolgten-Gruppen initiieren,
• „Galerien“ zu deportierten Menschen an Schulen gestalten,
• Interviews mit den letzten Überlebenden dokumentieren und bewahren,
• Antisemitismus und seine Wirkmechanismen anhand von Narrativen und Mythen untersuchen,
• bestehende Gedenksteine pflegen, restaurieren, ergänzen oder ersetzen,
• Bezüge zu Stolperstein-Projekten herstellen,
• aktuelle Beispiele genozidaler Gewalt als Ausgangspunkt nutzen, um Mechanismen von Ausgrenzung und Völkermord zu analysieren,
• jüdische Gesprächspartner*innen zu Begegnungen und Austausch einladen.

Susanne und Thomas Christ konnten aus dem Workshop zahlreiche wertvolle Impulse für die zukünftige Arbeit des Fördervereins Mahnmal mitnehmen. Den engagierten Stipendiat*innen der Studienstiftung des Deutschen Volkes gilt an dieser Stelle nochmals ein herzlicher Dank für ihre konstruktiven Ideen und ihre intensive Auseinandersetzung mit dem Thema.

Text: Thomas Christ

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