Gedenkstätten

 

Tagung „Auschwitz heute“

75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau

Fachtagung im Haus auf der Alb in Bad Urach,  1. und 2. Februar 2020

Die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee hat sich am 27. Januar 2020 zum 75. Mal gejährt. Der Tag im Januar ist weltweit zum Gedenktag für die Opfer des Holocausts geworden. 1,1 Millionen Menschen fielen allein im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau dem Massenmord der Nationalsozialisten zum Opfer.

Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, paradigmatisches Beispiel für die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten, empfängt jedes Jahr mehr als zwei Millionen Besucher – Tendenz steigend. Die Tagung mit dem Titel „Auschwitz heute“ stellte sich der drängenden Frage, wie der Ort mit dem Andrang, aber auch mit dem Bildungsauftrag zur Aufklärung der Nachweilt umgeht und welche Maßnahmen zum Erhalt der Stätte notwendig sind.

Das Programm näherte sich multiperspektivisch an den historischen Ort an: Die Fotografen Kai Loges und Andreas Langen stellten ihre Fotoarbeit über das Alltagsleben im Umfeld der einstigen Lager vor. Wissenschaftlerinnen führten an die Geschichte der Gedenkstätte und die denkmalpflegerischen Aufgaben heran. Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus der Gedenkstätten- und Bildungsarbeit gaben Einblick in die Auseinandersetzung mit dem historischen Ort. Und auch Stimmen von Zeitzeugen erklangen – beim Liederabend und bei der Matinee mit Dr. Eva Umlauf, die den Holocaust als Zweijährige überlebt hatte, befreit am 27. Januar 1945 in Auschwitz-Birkenau.

  

Begrüßung und Eröffnung

Sibylle Thelen, Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg


Vor vollem Haus eröffnete Sibylle Thelen, Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, die Tagung, die auf eine Woche der intensiven Vergegenwärtigung der Vergangenheit folgte. Sie verwies auf die Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus, die der Landtag von Baden-Württemberg im nahe gelegenen Grafeneck abgehalten hatte – an dem Ort, an dem im Jahr 1940 der Massenmord an psychisch kranken und behinderten Menschen begann.

„Grafeneck“, fasste Thelen die Botschaft der Gedenkveranstaltung zusammen, „markiert den Umschlagpunkt von der Verfolgungspolitik zur Vernichtungspolitik. Er markiert den Beginn der genozidalen Politik der NS-Diktatur.“ Nicht nur von Grafeneck, auch vom Haus auf der Alb in Bad Urach führe eine Spur nach Auschwitz: Der Bauherr des Hauses auf der Alb, Georg Goldstein, wurde 1943 nach Theresienstadt deportiert und später in Auschwitz ermordet.

Thelen würdigte die Bedeutung von Gedenktagen. Ein Tag des Rückblicks wie der 27. Januar eröffneten Raum für Trauer um die Opfer und um die Zerstörung von Menschenrechten. Ein solcher Gedenktag sei zugleich eine Einladung an alle, sich der gemeinsam errungenen Werte zu vergewissern. Die Veranstaltungen anlässlich eines Gedenktags gäben zugleich die Gelegenheit zur Wissensvermittlung und zur Reflexion.

Gemeinsam mit der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen in Baden-Württemberg (LAGG) nimmt die LpB das Erinnerungsjahr 75 Jahre nach 1945 zum Anlass für ein breitgefächertes Veranstaltungsprogramm an Gedenkstätten.

Die Begrüßung endete mit der Einladung an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ins Gespräch darüber zu kommen, wie sich Erinnerungskultur auch für folgende Generationen lebendig halten lässt.

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„Nebenan. Die Nachbarschaften der Lager Auschwitz I-III“

Einführung in das Fotoprojekt Kai Loges und Andreas Langen (die arge lola), Gosia Musielak, Bildungsabteilung Zentrum für Gebet und Dialog, Oswiecim

Kai Loges und Andreas Langen, die als Bild- und Konzeptautoren zusammen „die arge lola“ bilden, und Gosia Musielak vom Zentrum für Gebet und Dialog in Oswieçim führten in die Ausstellung „Nebenan. Die Nachbarschaften der Lager Auschwitz I-III“ ein.

Das Fotografenduo hat in seinen Bildern das unmittelbare Umfeld der einstigen Hauptlager Auschwitz I-III und den Alltag der Bewohner des heutigen Oswieçim eingefangen. Zwischen 2015 und 2017 waren die beiden insgesamt vier Wochen vor Ort, um zu untersuchen, wie die Menschen in diesen Nachbarschaften heute leben. Entstanden ist eine Ausstellung, die insgesamt 90 Bilder und umfangreiche Begleittexte umfasst, die nicht nur das Leben der Menschen im Schatten des ehemaligen Vernichtungslagers darstellen sondern zugleich zur Reflexion über den historischen Ort anregen.

Gosia Musielak, der die Fotografen auf einer ihrer Reisen begegnet sind, schaltete sich als Vermittlerin ein und half den beiden, mit Anwohnern ins Gespräch zu kommen. Sie selbst ist in Brzezinka geboren und aufgewachsen, ihre Familie stammt aus dem Ort. Sie ging zur Schule in einem Gebäude, das ehemalige Häftlinge gebaut hatten, und die übersetzt den Namen „Die überlebenden Kinderhäftlinge des Lagers Auschwitz“ trägt. Musielaks Geschichte der Auseinandersetzung mit dem Thema begann mit einer Seminararbeit im Lyceum. Aber erst durch die Recherche der Fotografen erfuhr sie, dass die Schwester ihres Urgroßvaters in Auschwitz umgekommen war. Gosia Musielak beschreibt, dass sie in zwei Welten lebe: in der normalen, alltäglichen Welt und in jener, die eng mit der Vergangenheit verbunden sei. Die Frage, ob es Voraussetzung sei, dass die Thematik einen packt und quält, um sich authentisch damit befassen zu können, bejahte sie deutlich. Die Auseinandersetzung mit dem Ort sei auch für sie jedes Mal aufs Neue sehr schwierig, weil es keine Erklärung für das Geschehene gebe. Man könne sich niemals daran gewöhnen.

Andreas Langens intensive Auseinandersetzung mit NS-Geschichte begann ebenfalls während des Studiums mit der Anfertigung einer Seminararbeit. 2012 begleitete er schließlich einen Publizisten an die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, für eine Recherche zum dem ehemaligen Lagerfotografen Wilhelm Brasse. Dieser war politischer Häftling im Stammlager und wurde von der SS gezwungen, die erkennungsdienstlichen Porträts für die Registrierung seiner Mithäftlinge anzufertigen. Langen entdeckte bei dieser Gelegenheit, dass die Häuser auf dem ehemaligen Lagergelände bewohnt waren. Seither bewegt ihn die Frage, was das wohl für eine Art von Leben sein möge.

Das Fotografenduo präsentierte Bilder aus der Ausstellung, aber auch solche, die es nicht in die Auswahl geschafft haben. Darunter finden sich unter anderem Bilder der -blühenden Natur und solche, die die „Prozession“ der Bewohner Brzezinkas zum „Vertreibungstag“ am 22. April zeigen.

Loges und Langen betonten, dass es ihnen wichtig sei, dem Betrachter einen gewissen Freiraum einzuräumen. Loges beendete die Präsentation mit den Worten „Verschweigen bringt uns nicht weiter“. Der Vortrag löste viele Fragen und Beiträge aus, die eigene Erfahrungen vor Ort zum Inhalt hatten, aber auch den Umgang mit israelischen Gruppen an der Gedenkstätte sowie die enge Partnerschaft der Städte Breisach im Breisgau und Oswieçim thematisierten. Es folgte eine gemeinsame Begehung der Ausstellung.

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Vortrag und Gespräch: Ausschwitz musealisieren?

Entstehung und Entwicklung der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.

Vortrag und Gespräch Dr. Imke Hansen, Nordost-Institut IGKN e.V., Lüneburg


Der Vortrag von Dr. Imke Hansen begann mit einer Übersicht der Gedenktage für die Opfer des Holocausts in verschiedenen Ländern. Hierbei führte sie aus, dass in verschiedenen Ländern an verschiedenen Tagen der Opfer gedacht wird. So wird in Deutschland am 27. Januar an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert, die USA und Israel begehen den Tag hingegen im Frühjahr und erinnern an den Tag des Aufstands im Warschauer Ghetto.  In Polen selbst steht der 14. Juni im Zeichen der Opfer. An diesem Tag kam 1940 der erste Transport mit polnischen Häftlingen im KZ an.

Die Auseinandersetzung mit dem Ort Auschwitz-Birkenau setzte in Polen direkt nach der Befreiung ein. Bereits am 14. Juni 1945 fand die erste öffentliche Gedenkfeier statt, zu der 25.000 Menschen kamen. Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau wurde also direkt nach der Befreiung gegründet, das „Symbol Auschwitz“ aber entwickelte sich erst später. Die erste Ausstellung im ehemaligen KZ wurde innerhalb der ersten Wochen eingerichtet. Vermutlich geschah dies durch ehemalige Häftlinge. Einige der Ausstellungsmerkmale, wie die umzäunten Paletten mit gestapelten Gegenständen, finden sich auch in der heutigen Ausstellung wieder. Die erste offizielle Ausstellung wurde schließlich 1947 eröffnet.

Hansen führte weiterhin aus, dass sich die Form des Gedenkens an den eigenen Bedürfnissen der Menschen orientiere. Gedenken sei immer auch selbstreferentiell und mit vielfältigen Bedürfnissen verbunden. Eine Gedenkstätte soll unter anderem ein Ort der Trauer, der Würde, des Gesehenwerdens und der Identifikation sein – eine „Insel der Einigkeit“, dass es nie wieder zu so etwas kommen darf. Außerdem kann durch Orte wie die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau auch politische Legitimation gewonnen werden. Das historische Erinnern diente als Brücke zwischen den polnischen Nationalisten und Kommunisten.

Gleichzeitig sei das Gedenken keine Selbstverständlichkeit, es müssten hierfür ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen, gab Hansen zu Bedenken. So war der Mangel an Ressourcen in den Nachkriegsjahren auch für die Gedenkstätte problematisch. Viele Polen nutzten deshalb die ehemaligen Lagergelände als Reservoir an Baumaterialien. Erst die Einrichtung eines Kriegsgefangenenlagers auf dem ehemaligen KZ-Gelände konnte Schutz vor Plünderungen bieten.

Die ersten Mitarbeiter der Gedenkstätte waren ehemalige Häftlinge, die an dem Ort nicht nur Unterkunft und Verpflegung fanden, sondern vor allem auch Gemeinschaft unter Gleichgesinnten. Die gemeinsam verbrachte Freizeit sollte gegen die „Stacheldrahtkrankheit“ helfen. Von Anfang an war es den Überlebenden aber auch wichtig, das Wissen um den Ort zu vermitteln.

Hansen wies zugleich drauf hin, dass es durchaus auch Auseinandersetzungen um die Gestaltung der Gedenkstätte gab. Es lagen verschiedene Ideen vor. Einige ehemalige Häftlinge favorisierten ein lebendiges Denkmal, aber auch über die produktive Nutzung des Geländes als Landwirtschaft wurde diskutiert. Die Gedenkstätte war anfangs hauptsächlich den polnischen politischen Häftlingen gewidmet. Hansen unterstrich, dass dies nicht als ein Versuch der Verzerrung wahrgenommen werden sollte, sondern als Resultat eines vorherrschenden Eindrucks, demzufolge unvorstellbar viele polnische Häftlinge ermordet wurden. Gedenken sei auch immer stark von den Erlebnissen der Menschen geprägt, fasste Hansen zusammen. Es falle schwer, anderer Opfer zu gedenken, wenn das eigene Leid vordergründig sei. 1947 wurde schließlich der erste jüdische Gedenkraum eingerichtet, mit einem Symbol des Aufstands, nicht des Opfertums.

Mit der Ausstellung von 1947 begann die Debatte darüber, wie gedacht werden soll. Ist Auschwitz ein polnischer Ort oder ein Ort für alle? Ist es ein Ort des Leidens oder des Kampfes? Hansen führte aus, dass die Gedenkstätte sich auch an die Besucher wenden müsse, die keine persönliche Erlebnisse mit Auschwitz-Birkenau verbinden. Gleichzeitig warnt die Wissenschaftlerin vor dem Versuch, vermitteln zu wollen, wie es im KZ wirklich war. Dies würde die Würde der Opfer verletzen. Das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau könne nicht nachvollziehbar oder erlebbar gemacht werden. Bei allen Anforderungen, die das Gedenken stellt, sei es doch am wichtigsten, nicht die Menschen zu vergessen, die dort gelitten haben, weshalb Hansen für ein menschliches, persönliches Gedenken plädiert. Zugleich sieht sie die Auseinandersetzung über die Art des Gedenkens als etwas Positives, da diese Konflikte das Gedenken am Leben erhielten.

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Vortrag und Gespräch: Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

Archäologie und Denkmalpflege.

Dr. Barbara Hausmair, Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg


Dr. Barbara Hausmairs Vortrag zu archäologischen und denkmalpflegerischen Aspekten des historischen Ortes befasste sich mit der Frage, welche Möglichkeiten es gibt, an die materiellen Überreste von Auschwitz heranzutreten, und wo die Herausforderungen dabei liegen.

Auch wenn Auschwitz-Birkenau auf den ersten Blick nicht als kulturelles Erbe geeignet sei, wurde die ehemaligen Lagergelände schon 1979 zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Hausmair wies dabei auf die Problematik des Welterbestatus hin: Auschwitz-Birkenau kam singulär als das eine paradigmatische Beispiel eines Lagers auf die Liste und schließt damit weitere Lager als potenzielle Kandidaten für einen künftigen Weltkulturerbestatus aus. In der Begründung der UNESCO für die Auswahl heißt es, Auschwitz-Birkenau sei ein unwiderlegbarer Beweis für eines der größten Verbrechen, das je gegen die Menschheit begangen wurde, ein zentraler Ort der Erinnerung für die gesamte Menschheit an den Holocaust und ein Ort der kollektiven Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der Menschheitsgeschichte. Bereits 1947 waren Grenzen für die Gedenkstätte definiert worden. Die UNESCO entwickelte den Plan, einen „Schutzraum“ um das Museum herum zu schaffen, damit sich auf diesem Gebiet keine Siedlungen oder Infrastruktur bilden.

Als wichtiges Kriterium nannte die Archäologin die Frage, wieviel Materielles noch am historischen Ort vorzufinden ist. Bereits kurz vor der Befreiung griffen die Täter noch selbst in die Substanz ein, als sie die Krematorien sprengten. Die Verwendung des Baumaterials zum Häuserbau durch die Bevölkerung führte zu weiterem Substanzverlust. Durch das rasch nach der Befreiung einsetzende Gedenken konnte jedoch ein Großteil der materiellen Substanz bewahrt werden; das Krematorium wurde wiederaufgebaut. In Monowitz hingegen ist vom eigentlichen Lager nichts mehr zu sehen.

Man müsse sich jedoch in der Diskussion um die Erhaltung und Vermittlung der Materialität des Lagers bewusst machen, dass man es nicht mit einer eingefrorenen Zeitkapsel zu tun habe: Es seien dabei verschiedene Zeitschichten wie auch eine multivokale Landschaft involviert. Die Bedürfnisse der Besucher erfordern Anpassungen des historischen Ortes und bedingen eine ständige Überformung und Umformung der Substanz.

Wie Hausmair betonte, befindet sich Auschwitz durch das allmähliche Verschwinden der Zeitzeugen in einer massiven Umbruchphase. Das Materielle, also die originale, authentische Substanz werde fortan stärker eingebunden und nehme eine Substitutwirkung für die Zeitzeugen ein, um den Brückenschlag zwischen der Vergangenheit und der Generation ohne unmittelbaren Bezug zu dieser zu übernehmen.

Das Material verfalle jedoch zusehends, und dies auch, weil die Bausubstanz durch die Verwendung minderwertiger Materialien in sehr schlechtem Zustand sei. Die offenen Fragen zum Umgang mit konservatorischen Problemen führten 2009 zur Gründung der Internationalen Stiftung Auschwitz-Birkenau, die wiederum den „Masterplan for the conservation of Auschwitz-Birkenau“ erstellte. Bisher gebe es jedoch keine ideale Lösung, wie die Substanz dauerhaft erhalten werden und wie man mit den materiellen Überresten umgehen könne, da solche Materialien normalerweise nicht im Vordergrund konservatorischer Überlegungen stünden. Es seien jedoch massive Eingriffe notwendig, um die Gebäude auf dem rund 171 Hektar großen Museumsareal zu erhalten. Dabei sieht man sich nicht nur Herausforderungen technischer, also die Entwicklung eines adäquaten Umgangs mit der maroden Bausubstanz betreffend, sondern auch finanzieller und ethischer Art gegenüber. Letztere drehe sich vor allem um die Frage, was priorisiert werden soll und was man dem Verfall überlässt.

Vor dem Hintergrund der zahlreichen notwendigen Rekonstruktionsarbeiten, die der Isolierung, dem Schutz vor Feuchtigkeit und der Sanierung des Abwassersystems dienen, stelle sich aber vor allem die Frage, was mit dem historischen Ort passiert, wenn es mehr Rekonstruktion als Originalbestand gibt.
Über konservatorische Fragen hinaus sei Auschwitz-Birkenau auch archäologisches Feld. In den 1960er-Jahren fanden im Rahmen eines Dokumentarfilms erstmals Grabungen statt, in den 1980ern entwickelte sich eine „Lagerarchäologie“, die die KZ-Strukturen im Boden, so zum Beispiel das Versorgungsnetzwerk der Täter, wieder sichtbar machen sollte. Heute seien keinerlei weitere Grabungen geplant; gefundene Objekte werden jedoch in Restaurierungswerkstätten Materialanalysen unterzogen und konserviert. Es sollen auch kleine, nicht nur ikonische, Marker des Systems geschützt werden.

Hausmair sprach außerdem eine weitere wichtige Frage an: Was ist konservatorisch mit hochsensiblen Bereichen wie den Gaskammern und Krematorien vertretbar? Sie wiederholte, dass es bisher noch keine klaren Antworten auf die gestellten Fragen und somit keinen „Masterplan“ gebe.

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Diskussion: Auschwitz heute

Podiumsgespräch über Erfahrungen in der Begegnung mit dem historischen Ort

Die Runde der Diskussionsteilnehmer bestand aus Rainer Höß, dem Enkelsohn des ehemaligen Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß, Luisa Lehnen, die einen Freiwilligendienst mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste im Jüdischen Zentrum Oswieçim abgeleistet hat; Gosia Musielak, einer Mitarbeiterin in der Bildungsabteilung des Zentrums für Gebet und Dialog in Oswieçim, und Dr. Christiane Walesch-Schneller, der Vorsitzenden des Fördervereins Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus Breisach e. V.  Geleitet wurde die Diskussionsrunde von Andreas Schulz, LpB, und Holger-Michael Arndt, CIVIC-Institut für internationale Bildung. Das Podiumsgespräch drehte sich um das Verhältnis der Teilnehmenden zu dem historischen Ort Auschwitz-Birkenau und um die Frage, welche Art des Gedenkens und der Bildungsarbeit an diesem Ort die richtige ist.

Anfänglich ging es um die persönlichen Erfahrungen der Teilnehmer mit dem Ort. Rainer Höß führte aus, dass sein erster Besuch in Auschwitz-Birkenau ihn „erschlagen hat“ und es für ihn bis heute eine Herausforderung ist, dort zu sein. Trotz allem kehrt er regelmäßig zurück und hat den Ort bereits 35 Mal besucht und 4.000 Schüler dabei begleitet. Holger-Michael Arndt besuchte die Gedenkstätte Auschwitz das erste Mal 1988, um eine Partnerschaft zwischen Deutschland und Polen aufzubauen. Die Frage, wie er selbst den Ort wahrnimmt, könne er nicht beantworten, diese Frage stelle er sich selbst sehr oft. Für Luisa Lehnen wurde Oswieçim während ihres Freiwilligendienstes ein Zuhause. Gosia Musielak, die in Brzezinka aufwuchs und nun in Oswieçim arbeitet, beschreibt, dass sie in zwei Welten lebe. Sie unterscheidet zwischen dem alltäglichen Leben und jener zweiten Welt, die beginnt, wenn sie in das Museum kommt. Sie lebe im Schatten von Auschwitz, aber das Leben gehe dort weiter. Christiane Walesch-Schneller besuchte das Museum das erste Mal 1999 auf einer Forschungsreise, um im dortigen Archiv nach Breisacher Opfern zu suchen. Kurz zuvor hatte sie erfahren, dass ihr Vater als Kriegsgefangener drei Monate in Auschwitz interniert gewesen war. Die Frage, ob eine Verbindung zwischen ihrer Vermittlungsarbeit in Breisach und Auschwitz bestehe, bejahte sie. Es gibt regelmäßig Besuche von Schülergruppen nach Auschwitz. Außerdem ist es ihr wichtig zu vermitteln, dass es nicht nur Breisacher Opfer gibt, sondern auch Täter, die aus dem Ort stammten.

Im Umgang der Besucher mit der Gedenkstätte stellten alle Teilnehmer Veränderungen fest. Arndt führte an, dass es gerade im ehemaligen Stammlager Auschwitz I zunehmend zu einem „Eventtourismus“ käme, obwohl man für einen Besuch des Ortes eigentlich Ruhe brauche.  Die Wirkung des Ortes habeallerdings nicht nachgelassen. Höß stellte fest, dass Erwachsene, aber gerade auch Jugendliche vom Besuch „erschlagen“ sind. Darum würden seine Gruppen auch immer von Psychotherapeuten oder Pädagogen begleitet. Er besucht das Museum immer nur mit kleinen Gruppen, die intensiv auf den Besuch vorbereitet werden. Auch Lehnen teilte den Eindruck, dass sich die meisten Gruppen intensiv mit dem Ort auseinandersetzen und den Besuch auch reflektieren. Gleichzeitig führe die Konfrontation mit dem Leid und die Unsicherheit, wie man darauf reagiert, häufig zu einer Überforderung der Besucher. Musielak ergänzte, dass eine gute Vorbereitung auf den Besuch wichtig sei und dass sie Gruppen vor Ort intensiv betreue: In Reflexionsrunden werde das Erlebte des Tages besprochen, um die Besucher nicht mit den Eindrücken allein zu lassen. Hierfür gebe es verschiedene Methoden: zum Beispiel würden Jugendliche das Erlebte durch das Malen von Bildern der Orte und Eindrücke, die sie besonders berührt oder schockiert haben, verarbeiten. Auch Walesch-Schneller betonte, dass Jugendliche intensiv auf die Reise vorbereitet würden. Dabei werde ihnen auch ein Verhaltenskodex vermittelt. Arndt ergänzte, dass trotz guter Vorbereitung eine gewisse Überforderung bleibe und es daher wichtig sei, sich Zeit zu nehmen und den Besuchern Freiräume zu bieten.

Das Thema „Soziale Netzwerke und Gedenkstättenarbeit“ wurde von den Teilnehmern kritisch diskutiert. Lehnen merkte an,, dass durch den Gebrauch von Smartphones mehr dokumentiert und festgehalten werde. Musielak ergänzte, dass es zunehmend vorkomme, dass Besucher sich auf den Gleisen oder vor dem Eingangsschild ablichten lassen. Auf die Nachfrage, ob es hier nicht möglich wäre, Regeln bezüglich Fotografien einzuführen, führte sie aus, dass es bereits Verbote bezüglich der Kleidung und des Fotografierens gibt. Gut vorbereitete Gruppen wüssten, wie man sich vor Ort verhalten muss, aber es kämen auch viele unvorbereitete Gäste. Es läge also auch immer individuell an den Besuchern. Doch selbst ein Verbot würde vermutlich nichts ändern. Andreas Schulz hielt fest, dass Bilder eine neue Form der Erinnerungskultur seien, in denen digital über den realen Ort verhandeln wird.

Abschließend diskutierte die Runde verpflichtende Gedenkstättenbesuche in Auschwitz-Birkenau.
Für Höß „muss es Auschwitz sein“; er empfindet den Besuch einer lokalen Gedenkstätte nicht als ausreichend oder vergleichbar. Er formulierte zudem den Wunsch, dass Auschwitz-Besuche, wie das auch in England gehandhabt wird, als Hauptbestandteil in den Geschichtsunterricht integriert werden. An dieser Runde beteiligte sich auch das Publikum. Dorothee Roos, Vorsitzende des Verbunds der Gedenkstätten im ehemaligen KZ-Komplex Natzweiler e.V. (VGKN), führte das Argument an, dass die Schüler mehr von der Totalität des Systems verstehen würden, wenn sie mehr als nur einen Ort sähen. Dr. Eva Umlauf hält einen Pflichtbesuch nicht unbedingt für schlecht, betonte aber zugleich die Bedeutung einer guten Vorbereitung der Schüler durch ihre Lehrer.

Als Fazit ist festzuhalten, dass Pflichtbesuche kritisch wahrgenommen werden. Es waren sich jedoch alle einig, dass das Bewusstsein an den Schulen für eine gute Vorbereitung geschärft werden muss, damit der Besuch einer Gedenkstätte als bereichernd erlebt wird.

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Liederabend

Lieder aus dem Konzentrationslager und Musik von verfolgten und inhaftierten Komponisten

Abgerundet wurde der erste Tagungstag durch einen Liederabend, an dem auch Gäste außerhalb der Tagung teilnehmen konnten.

Die Sopranistin Birgitt Nachfolger, Bariton Sebastian Bollacher, Pianistin Jenia Keller und Ulrich Schlumberger am Akkordeon trugen Lieder in deutscher, russischer, jiddischer und hebräischer Sprache vor. Es waren Lieder, die unter die Haut gingen, viel Schwermut transportierten, einen emotionaleren Zugang zum Thema boten und nachhaltig zum Nachdenken anregten. Darunter fanden sich unter anderem Stücke von Ilse Weber, einer aus der Tschechoslowakei stammenden, deutschsprachigen Schriftstellerin, die in Theresienstadt rund 60 Gedichte schrieb, die das Grauen um sie herum beschreiben. Sie wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Auch an Viktor Ullmann, einen österreichischen Komponisten, Dirigenten und Pianisten, der unter anderem die Oper „Der Sturz des Antichrist“ geschrieben hatte, wurde durch seine Kompositionen erinnert. Wie Ilse Weber wurde dieser 1944 in Auschwitz direkt nach seiner Ankunft ermordet. Die Lieder boten einen Einblick in die Gefühlswelt ihrer Komponisten: In der Breite sprachen die Lieder das Spektrum der menschlichen Emotionen an. Neben Schwermut wurden in den Liedern auch Kampfgeist und Widerstand aber auch Hoffnung deutlich.

Den aufführenden Künstlern war es dabei auch wichtig, nicht ausschließlich Lieder vorzutragen, die bereits in Gefangenschaft komponiert wurden, sondern auch solche, die die Komponisten zuvor in Freiheit geschaffen hatten.

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Lesung und Gespräch „Die Nummer auf deinem Arm ist so blau wie deine Augen.“

Buchautorin Dr. Eva Umlauf mit Schülerinnen und Schülern der Georg-Goldstein-Schule Bad Urach

Die Geschichte der Eva Umlauf, die als Zweijährige den Holocaust überlebte.


Der abschließende Programmpunkt der Tagung bestand in einer Lesung der Auschwitz-Überlebenden Eva Umlauf aus ihrem Buch „Die Nummer auf deinem Unterarm ist so blau wie deine Augen“ und anschließendem Gespräch mit Schülern der Georg-Goldstein-Schule in Bad Urach.

Bei vollem Saal — neben zahlreichen Schülerinnen und Schülern war auch interessiertes Publikum zur offenen Veranstaltung gekommen — stellte Eva Umlauf nach einer kurzen Vorstellung durch Sibylle Thelen ihr Buch vor, dessen Titel auf einem von ihrem Freund Jan Karski für sie in den 1990er-Jahren verfassten Gedicht basiert, das sie während der Veranstaltung vortrug. „Niemand konnte glauben, dass du leben würdest, dass du zurückkehren würdest um Zeugnis abzulegen für dein zerbrochenes Heim“, heißt es darin.

Erst 2014, nachdem sie einen Herzinfarkt erlitten hatte, begann Umlauf, sich mit ihrer Vergangenheit zu befassen; vorher hätten ihr sowohl die Zeit als auch die innere Reife und der Abstand gefehlt. Zwei Jahre nach ihrer Geburt im Arbeitslager Nováky, einem von drei Arbeitslagern für Juden in der Slowakei, wurde sie im November 1944 gemeinsam mit ihrer Mutter nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Zwei Tage vorher, am 31. Oktober, waren die Vergasungen eingestellt worden. Ihre Schwester wurde nach der Befreiung im April 1945 im Lager geboren. Erst danach, im Juni 1945 kehrte die Mutter mit den beiden kleinen Kindern zurück in die Slowakei. Eva Umlauf erinnert sich, dass nach ihrer Rückkehr Menschen auf der Straße auf sie zukamen und es als Wunder bezeichneten, dass die drei noch lebten. „Wir verstanden es nicht, warum wir nicht leben sollten“, so Umlauf. Die Mutter habe immer über das Thema geschwiegen, was die Zeitzeugin als notwendigen Schutzmechanismus deutete. Dies sei auch der Grund gewesen, warum die Kinder dies nie ansprachen: „Bei uns wurde sehr viel geschwiegen, meine Mutter hat nichts erzählt, aber wir haben auch nicht gefragt. Wir haben gespürt, dass man nichts fragen soll, weil das zu viel Schmerz verursacht.“

Die eintätowierte Nummer auf dem Arm, die auf die Nummer der Mutter folgt, sieht Umlauf als Auftrag, Zeugnis abzulegen über ihre gemeinsame Geschichte. Umlauf dachte, bis sie ihre Nachforschungen begann, sie sei in Auschwitz-Birkenau immer bei ihrer Mutter gewesen, fand dann aber durch Krankenakten heraus, dass sie während ihrer Krankheit alleine auf der „Mengele-Station“ gelegen hatte. Die Nachwirkungen, über die sie eine Passage aus ihrem Buch liest, bezeichnet sie als „Gefühlserbschaften, denen eine zerstörerische Kraft innewohnt“.

Nach der Heirat mit einem polnisch-jüdischen Überlebenden zog die Ärztin zu ihm nach München, wo sie zunächst isoliert lebte und nur mit jüdischen Familien Kontakt hatte. „Ins Land der Täter zu kommen war für mich überhaupt nicht einfach“, erinnert sie sich. Erst nach dem Tod des Mannes kam sie mit Deutschen in Kontakt und schätzte, nach dem Leben im kommunistischen Regime, in Deutschland zum ersten Mal ein freies jüdisches Leben führen zu können.

Nach dem Vortrag einer Passage aus ihrer Auschwitz-Rede von 2011 stellte sich Eva Umlauf den Fragen der Schüler der Politik AG, die sich zwei Wochen vorab zusammengesetzt hatten, um sich auf das Gespräch vorzubereiten. Die Schüler wollten von Umlauf unter anderem wissen, ob ihre Eltern wussten, was auf sie zukommen würde, wann sie selbst realisiert habe, was die Nummer auf ihrem Unterarm bedeutete, wie sie damit umging, dass ein Großteil der NS-Täter nicht verurteilt wurde und welche Rolle ihre Geschichte für sie selbst und für ihre Kinder spiele.

Als die Schüler nach der Bedeutung von Gedenktagen für Eva Umlauf fragten, betonte diese, dass es sowohl für die Überlebenden als auch für die Toten sehr wichtig sei zu gedenken. Sie selbst sieht im ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau den größten Friedhof der Welt und mahnte in Bezug auf Überlebende: „Wir haben die Ehre und die Pflicht, solange wir noch laufen können, an solch einem Gedenktag teilzunehmen.“

Gleichzeitig appellierte sie vor dem Hintergrund eines wachsenden Antisemitismus an die Schüler: „Ihr müsst wachsam sein, mit offenen Augen durch die Welt gehen und nicht vergessen, dass es nur Menschen gibt und keine ‚Untermenschen‘.“

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